Was kostet die Welt

2019

Demokratische Wahlen gibt es auf der Insel Sark im Ärmelkanal erst seit 10 Jahren, da sie bis dahin Europas letztes Feudalstaat war. Die rund 600 Einwohner auf der Insel besitzen kein Land. Auch Gesetze gibt es kaum, das Zusammenleben läuft vielmehr auf Vertrauensbasis. Doch das Leben auf der Insel wird von zwei Milliardären, die Land auf der Insel kaufen und lediglich ihre eigenen Interessen durchsetzen, bedroht. So entsteht zwischen den Inselbewohnern ein Kampf um Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit und den Gesetzesauslegungen.

Rezension zu Was kostet die Welt
Thomas Schneider
Dr. Kay Hoffmann
Filmpublizist und wissenschaftlicher Leiter im Haus des Dokumentarfilms

Durch einen Zeitungsartikel wurde die Regisseurin Bettina Borgfeld („Raising Resistance“ 2011) auf die Insel Sark aufmerksam, die im Ärmelkanal liegt. Sie war Europas letzter Feudalstaat im britischen Kronbesitz bis vor zehn Jahren die ersten demokratischen Wahlen stattfanden. Das Leben der rund 600 Bewohner war einfach und beruhte mehr auf gegenseitigem Vertrauen als auf Gesetzesvorgaben. Man kann von paradiesischen Zuständen sprechen, denn das Zusammenleben war durch Harmonie und gegenseitige Achtung geprägt. 

Doch nur bis zu dem Zeitpunkt, als zwei britische Milliardäre begannen das Land aufzukaufen, Weinfelder anlegten. Sie erwarben vier der sechs Hotels und modernisierten sie für 30 Millionen in Luxusressorts mit Ritzstandard. Um dies zu erreichen überzogen sie die Bewohner der Insel mit teuren Prozessen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dort klagen sie gegen das feudale System auf der Insel, das angeblich gegen Menschenrecht verstoße. Dort konnten sie sich durchsetzen mit ihren Profitinteressen gegen die Existenzberechtigung der Anwohner. Schon dass ist ein Skandal. Doch ihr eigentliches Interesse ist der Profit und die Insel Sark in eine Steuerparadies á la Guernsey zu verwandeln. 

Dagegen wehren sich viele der Anwohner, haben jedoch kaum eine Chance gegen die kaufkräftigen Investoren. Immer mehr werden schwach und verkaufen ihre Grundstücke und Häuser, die sich oft in Jahrhunderte altem Familienbesitz befunden hatten. Die Regel, dass jeder Anwohner höchstens zwei Grundstücke besitzen darf, wird schnell unterwandert. Kritiker und Journalisten werden auf die brutalste Weise eingeschüchtert und in einem ‚Newsletter‘ öffentlich bloßgestellt. Den Milliardären gelingt es im Laufe der Jahre eine Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens und Angst zu schaffen. Selbst private Beziehungen in der Familie leiden darunter, wie der Film am Beispiel einer Protagonistin sehr deutlich zeigt. Die Ausgangslage ist jedoch so komplex, dass der Film droht, sich in den Details zu verlieren. Als ein Manko bezeichnet es Bettina Borgfeld selbst, dass es ihr trotz mehrerer Anläufe nicht gelungen ist, die Investoren selbst vor die Kamera zu bekommen, um beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Nur ein Handwerker, der für die Investoren arbeitet, lobt sie für ihr Engagement auf der Insel Sark. Produziert hat den Film Thomas Tielsch von Filmtank, der damit einmal mehr Gespür für politische Themen beweist. 

Die vorgeschobenen Hotelpläne werden bald aufgegeben, da die Reichen und Superreichen ihren Urlaub gar nicht in Sark verbringen wollen. Dafür investieren sie in die Grundstücke, um von den günstigen Steuern auf der Insel zu profitieren. Mit einigen Tricks müssen sie in der Regel überhaupt 

keine Steuern zahlen. Die beiden Milliardäre besitzen bis jetzt ein Drittel der gesamten Landfläche und scheuen keine Kosten und Mühen um ihre Interessen durchzusetzen. 

Vor idyllischer Kulisse entfaltet sich ein erbitterter Kampf um Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Auslegung der Rechtslage. So wirft der Film fundamentale, aktuelle Fragen auf nach sozialer Verantwortung, den Schlupflöchern der Finanzindustrie und den Herausforderungen, vor denen diejenigen stehen, die diesen Strategien auf die Spur kommen oder sich ihnen widersetzen wollen. Letztlich scheint sich zu bestätigen, dass Geld die Welt regiert. Von daher wird es auch spannend, wie die beiden Milliardäre auf diesen Dokumentarfilm reagieren werden. Es ist zu befürchten, dass sie gegen ihn gerichtlich vorgehen werden, obwohl sie selbst die Angebote für die Erläuterung ihrer Perspektive ausgeschlagen hatten. 

(Kay Hoffmann)

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Kinostart:16.05.2019 in Deutschland
30.10.2018 in DOK Leipzig – Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
weitere Titel:
Was kostet die Welt
Genre:Dokumentarfilm
Herstellungsland:Deutschland
Originalsprache:Deutsch
Regie:Bettina Borgfeld
Drehbuch:Bettina Borgfeld
Kamera:Bettina Borgfeld
Marcus Winterbauer
Börres Weiffenbach
Schnitt:Mechthild Barth
Franziska von Berlepsch
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Rezensionen:

Datenstand: 23.07.2019 11:56:16Uhr