Scala Adieu – Von Windeln verweht

2018

2016 wurde in Konstanz das Programmkino „Scala Filmpalast“ geschlossen, damit stattdessen im selben Gebäude ein Drogeriemarkt eröffnet werden kann, von dem es bereits mehrere Filialen in Konstanz gab. Die Schließung des Kinos stoß deshalb auf viel Protest bei den Bürgern, da ihnen ein Stück der Kultur genommen wurde und das Kino auch nicht die erste Kulturinstitution war, die einem großen Konzern weichen musste. Die Dokumentation "Scala Adieu - Von Windeln verweht" zeigt die Proteste der Bürger gegen eine Schließung, aber beleuchtet auch die Gründe der Stadtverwaltung für die Schließung.

Rezension zu Scala Adieu – Von Windeln verweht
Thomas Schneider
Dr. Kay Hoffmann
Filmpublizist und wissenschaftlicher Leiter im Haus des Dokumentarfilms

Eine Stadt, ein Kino und ein Abschied wider Willen. In Konstanz, der »Perle am Bodensee«, eröffnete 2017 die fünfte dm-Filiale, der größten Drogeriemarktkette Europas. Denn die Geschäfte laufen – auch dank der Nähe zur Schweiz – exzeptionell.

Konsumtouristen decken sich mit Windeln, Klopapier und Zahnpasta ein. Bis Ende 2016 waren diese Räumlichkeiten den Perlen der Filmkultur vorbehalten, die im Programmkino ‚Scala Filmpalast‘ präsentiert wurden.

Für den Regisseur Douglas Wolfsperger war es der magische Ort der Kinosozialisation wie auch für die vielen Stammgäste, die zu Wort kommen. Als Wolfsperger mit den Dreharbeiten beginnt, ist der Bürgerprotest gegen die Schließung in vollem Gange. Er wird Zeuge eines letzten Aufbäumens eines sterbenden Programmkinos, das Bedeutung hatte für die gesamte Bodensee-Region. Er spricht mit glühenden Filmenthusiasten und nüchternen Stadtverwaltern über Schwund und Expansion, Lustgewinn und Handelszuwächsen, undurchsichtigen Interessen und günstigen Geschäftslagen. Innenstädte und Kulturbegriffe ändern sich, in Konstanz und anderswo. Aber wer bestimmt die Stadtentwicklung? Wer profitiert davon? Und wer gehört zu den Verlierern dieser Entwicklung? Wird die Filmkultur kommerziellen Interessen geopfert? 

Während die engagierten Filmfreunde für ihr Kino kämpfen, werden woanders Fakten geschaffen. Der Scala Filmpalast hat schon glücklichere Tage gehabt – vor allem mit mehr Besuchern. Auf der anderen Seite hatte er in Konstanz und Umgebung eine wichtige kulturelle und soziale Funktion. Doch der Mietvertrag des Scala läuft ohne große Gegenwehr aus. Der jetzige Betreiber liebäugelt mit einträglicheren Geschäftsfeldern und will sich auf sein kommerzielles Kinozentrum konzentrieren. Der Gemeinderat setzt sich über Unterschriftenlisten der Bürgerinnen und Bürger und über baurechtliche Änderungsanträge hinweg, weil beste Lagen denen gehören, die sie sich leisten können. Der Oberbürgermeister kommentiert die Entwicklung nüchtern: »Städte verändern sich. Wer hier lebt, hat Glück«. 

Begehungen und Betrachtungen der Stadtlandschaft, Gespräche mit Filmverrückten und bestechend vernünftigen Kommunalpolitikern, lautes Nachdenken über den Kulturbegriff. Darüber, wer ihn bestimmt und wem er nützt. Sie alle zeigen das Ausmaß eines Wandels, der über ein sterbendes Kino hinweg tief in das Gesicht der Stadt eingreift – bis es anderen Gesichtern zum Verwechseln ähnelt. 

Douglas Wolfsperger ist einer der wichtigsten Dokumentarfilmer aus dem Südwesten. In »Bellaria – So lange wir leben!« (2002) setzte er schon einmal einem Wiener Kino ein Denkmal, das Klassiker der Filmgeschichte zeigte. Mit »Die Blutritter« zeigte er in großen Bildern die Tradition der Reiterprozession in Weingarten. In »Der lange Weg ans Licht« (2006) begleitete er eine ostdeutsche Hebamme zwischen ihrer Heimat und Afrika. In seinem bisher persönlichsten Film »Der entsorgte Vater« (2008) ging es um das Sorgerecht für seine beiden Kinder. Als DOK Premiere lief bereits sein »Wiedersehen in Brundibar« (2014) über ein Berliner Theaterprojekt in Theresienstadt. 

»Scala Adieu – von Windeln verweht« gewann bei den Biberacher Filmfestspielen den Doku-Biber als Bester Dokumentarfilm. In der Jurybegründung heißt es: »Uns hat überzeugt, wie aus einem vermeintlichen Heimatfilm ein Krimi wird, der ein überregionales Phänomen beschreibt und einen sich sozial gebenden Unternehmer enttarnt. Und das auf eine witzige und freche Art. Konstanz, das vom Zweiten Weltkrieg verschont blieb, wird nun vom Kommerz zerstört. Ein Beispiel, das auch für viele Innenstädte Deutschlands gilt.«

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Kinostart:21.03.2019 in Deutschland
25.10.2018 in Internationale Hofer Filmtage
31.10.2018 in Biberacher Filmfestspiele
weitere Titel:
Scala Adieu – Von Windeln verweht
Scala Adieu
Genre:Dokumentarfilm
Herstellungsland:Deutschland
Originalsprache:Deutsch
IMDB: 9
Regie:Douglas Wolfsperger
Drehbuch:Douglas Wolfsperger
Kamera:Frank Amann
Börres Weiffenbach
Schnitt:Katharina Schmidt
Produzent:Douglas Wolfsperger
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Rezensionen:

Datenstand: 17.07.2019 02:22:22Uhr