Tod in Texas

2011

Tod in Texas ist ein Dokumentarfilm von Werner Herzog aus dem Jahr 2011.

Quelle: Wikipedia(deutsch)
Rezension zu Tod in Texas
Thomas Schneider
Thomas Schneider
Online-Redakteur im Haus des Dokumentarfilms

Von seinen 57 Filmen, die der deutsche Regisseur Werner Herzog aktuell beendet hat, ist ein Großteil dem dokumentarischen Genre zuzuordnen. Den jüngsten Film stellen wir in unserer Reihe »Meilensteine« vor. Und das ist kein Widerspruch, denn in diesem Film scheint Werner Herzog die ganze Tiefe seines Werkes und die Summe seiner Erfahrungen versammelt zu haben. Er widerspricht - wie so oft in seinen Filmen - allen Regeln der Dramatik. Doch gerade dadurch findet »Into the Abyss« meisterlich die Geschichten hinter den Bildern.

Ein Prolog, ein Epilog und dazwischen fünf Akte. Das Drama, das sich in »Tod in Texas« in 105 Minuten offenbart, folgt nicht nur den Formen des klassischen Theaters. Es ist auch ein Stoff, der alles über die menschliche Tragik aussagt. Im Zentrum des Filmes stehen drei ermordete Menschen und ihre Hinterbliebenen sowie zwei Schuldige, von denen einer acht Tage nach den Dreharbeiten hingerichtet werden wird. Werner Herzog will den Sinn nach der Todesstrafe hinterfragen, indem er die Tat und ihr Folgen mit großer Detailtreue nacherzählt. Sich selbst bezeichnet er schon nach wenigen Minuten als Gegner dieser Form der alttestamentarischen Form der Bestrafung. Seinen Film hat er den Hinterbliebenen der Opfer gewidmet.

Herzog nimmt sich eine ganze Menge Zeit, um diese Geschichte über Leben und Tod in aller Tiefe und Ausführlichkeit zu erzählen. Er bedient sich dabei einer heute oft verpönten Technik: des Interviews. Es erweist sich, dass diese oft im Übermaß bis zur Langeweile exerzierte Technik vielleicht zu schnell als veraltet abgestempelt wird. Herzog zeigt gut und gerne neun Zehntel des Filmes in starren Einstellungen auf seine Gesprächspartner. Doch spannend ist davon jede Minute. Das liegt an der sehr persönlichen, immer zurückhaltenden, aber im richtigen Moment intelligenten Fragetechnik des Werner Herzog.


Was haben Eichhörnchen mit der Todesstrafe zu tun?

Schon im Prolog - also in den ersten fünf Minuten - ist ein solcher Moment zu beobachten. Herzog interviewt da einen Geistlichen, der bei den Hinrichtungen in Huntsville im US-Bundesstaat Texas anwesend ist. Das Interview findet in großer Eile statt - im Hintergrund sind die Gräber etlicher Hingerichteter zu sehen. Der Mann vor der Kamera allerdings hat seine Emotionen tief verborgen, er spult ein so zu erwartendes Programm aus Plattitüden ab. Dann bittet ihn Herzog unvermittelt, er solle eine Geschichte detaillierter erzählen, in der der Pfarrer zwei Eichhörnchen beinahe mit dem Auto überfahren habe. Da bricht es aus dem Mann heraus, die Tränen schießen ihm in die Augen und sein ganzes Korsett aus Selbstbeherrschung zerbirst.

Vom Eichhörnchen über den Sinn des Lebens zur Hinrichtung eines Menschen - in diesem nur wenige Sekunden kurzen Interviewstunt steckt die ganze Brillanz des Werner Herzog. Der erfahrene Filmemacher ist stets auf der Suche nach den magischen Momenten in denen Gezeigtes und Metaphysisches den Blick auf die Wahrheit hinter den Bildern freigeben. In »Tod in Texas« gibt es gleich mehrere dieser Ereignisse, die diesen Dokumentarfilm so wichtig machen.

Dass man einen Film über ein derartig grausames Verbrechen, bei dem drei Menschen für ein rotes Cabrio erschossen wurden, drehen kann ohne auf die trivialen Methoden des Sensationsfernsehens zurückgreifen zu müssen, zeigt Herzog in den fünf Hauptteilen. Da trifft er sich mit den beiden Tätern, mit den Hinterbliebenen der Opfer, später dann mit dem Henker bei über 100 Hinrichtungen. Mit dem bei den Tatermittlungen vor zehn Jahren beteiligten Officer rekonstruiert er die schreckliche Tat. Und er sucht nach Antworten auf die Frage, wie zwei junge Männer so weit gehen konnten - drei Morde für ein Auto...

Eine Zeit lang beschäftigt sich der Film mit der Frage, welcher der beiden Täter die Morde beging - sie schieben sich die Schuld gegenseitig zu. Eine Lösung dieser Frage bietet der Film nicht - er dokumentiert Aussagen und Statements, er hat aber keinen Plot, der in einem Drehbuch stehen könnte.

Und doch findet Herzog immer wieder Gesprächspartner, die der zu erzählenden Geschichte neue Wendungen geben. Der Vater eines Täters, wie er versucht, die ganze Schuld auf sich zu nehmen, weil er als Dauerinsasse von Gefängnissen die Erziehung seines Sohnes vernachlässigte. Auch hier ein magischer Moment, als er sich für seinen Sohn bei den Familien der Opfer entschuldigt.

Wie so oft hat der in Bayern geborene Regisseur, der längst fest in den USA lebt, auf einen Off-Kommentar verzichtet. Aber seine typische, nasale Stimme führt uns als Interviewer durch diese Geschichte. »Dies ist kein Aktionistenfilm«, hat Werner Herzog in einem Interview gesagt. Aber er habe eine Aussage, auch wenn diese nicht im Zentrum des Filmes stehe. Genau das macht den Film - selbst bei dem morbiden Thema - so sympathisch. Werner Herzog ist immer präsent - er prägt diesen Film in jeder Sekunde. Aber er ist kein Michael Moore. Er sieht seinen Film nicht als Waffe gegen etwas. Eher schon für etwas: Über das Sterbern und für das Leben.

Der Epilog bietet eine letzte Wendung. Ein Täter ist mittlerweile hingerichtet. Nun interviewt Herzog noch einen Mann, der elf Jahre lang der Henker war. Dieser Mann erzählt von dem Grund, wieso er seine Arbeit über Nacht hinwarf und zum Gegner der Todesstrafe wurde. Mehr Kommentar ist nicht nötig, um den ganzen Sinn und Irrsinn von 105 Minuten »Tod in Texas« auf den Punkt zu bringen. Kurzum: meisterlich.

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Kinostart:08.09.2011
weitere Titel:
Into the Abyss ast
Tod in Texas
В бездну
درون ورطهfa
Ned i afgrunden
凝視深淵zh
Genre:Dokumentarfilm, Gefängnisfilm, Filmdrama
Herstellungsland:Deutschland, Vereinigte Staaten, Vereinigtes Königreich
Originalsprache:Englisch
Farbe:Farbe
IMDB: 14
Verleih:IFC Films
Offizielle Webseite:www.wernerherzog.com
Regie:Werner Herzog
Drehbuch:Werner Herzog
Kamera:Peter Zeitlinger
Schnitt:Joe Bini
Musik:Mark De Gli Antoni
Produzent:Lucki Stipetić
Erik Nelson
Werner Herzog
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