Joschka und Herr Fischer

2011

Joschka und Herr Fischer ist ein deutsches Filmporträt aus dem Jahr 2011. Im Zentrum steht der ehemalige grüne Außenminister Joschka Fischer. Der Regisseur Pepe Danquart verwebt einen umfangreichen Monolog des Politikers mit Interviews und Schilderungen zur deutschen Geschichte nach 1945.

Wesentliche Aspekte des 140-minütigen Werks sind Fischers Jugend in der Kleinstadt Langenburg bei Schwäbisch Hall, die Radikalisierung der Studentenbewegung in Frankfurt und Berlin, seine Zeit als erster grüner Umweltminister in der hessischen Landesregierung unter Holger Börner ab 1985 sowie die Zeit als deutscher Außenminister.

Zu den Interviewten neben Joschka Fischer gehören Daniel Cohn-Bendit, Katharina Thalbach, Hans Koschnick, die Fehlfarben, Roger de Weck, Johnny Klinke und andere. Als Drehorte nutzt der Film den Spreepark im Plänterwald, den neuen Tresor und einschlägige Lokale der Frankfurter Politszene.

Zum Start im Mai 2011 erhielt der Film eher negative Besprechungen. Die Zeit lobte die Bilder, bemängelte aber eine gewisse „Lobhudelei“.[1] Die Süddeutsche Zeitung kritisierte, dass der Film jede Distanz zum Gegenstand seiner Erzählung vermissen lasse,[2] und die FAZ beanstandete den kritiklosen Ansatz und die lückenhafte Wiedergabe der Geschehnisse.[3]

Quelle: Wikipedia(deutsch)
Rezension zu Joschka und Herr Fischer
Thomas Schneider
Dr. Kay Hoffmann
Filmpublizist und wissenschaftlicher Leiter im Haus des Dokumentarfilms

Pepe Danquart ist dafür bekannt, große Dokumentarfilme fürs Kino zu machen. Sie berühren emotional und erzählen spannende Geschichten. Er versucht im Dokumentarfilm Spielfilmqualitäten zu liefern. Darum geht es auch in seinem neuen Film über Joschka Fischer.

Sponti, Taxifahrer, Parteistratege, Umwelt- und Außenminister, Vizekanzler, Dozent und Berater diverser Konzerne. Schon der Titel "Joschka und Herr Fischer" verspricht mehrere Seiten zu offenbaren. Zwischen Regisseur und Porträtiertem entwickelte sich in den vergangenen sechs Jahren ein enges Verhältnis. Es basiert auf eine gemeinsame Sponti-Vergangenheit. Dadurch kam ein Vertrauen zu Stande,  die es ermöglicht, dem Mensch Joschka Fischer näher zu kommen und nicht nur eine offizielle Fassade abzufilmen. Doch Danquart will mehr. Er will zugleich ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte erzählen, wie sie viele Wegbegleiter selbst erlebt haben.

Nach Vorgesprächen von 20 Stunden hat er ein spannendes Konzept für den Film entwickelt, der sich auf Wendepunkte konzentriert und Fischers Leben komprimiert. 60 Jahre in nur 140 Minuten. In 24 Kapitel hat er dessen bisheriges Leben zerlegt und darüber aus dokumentarischem Material jeweils einen kurzen Film kompiliert. Einiges Material zu seiner Jugend in Langenburg steuerte übrigens die Landesfilmsammlung Baden-Württemberg bei. 

In einer alten Fabrikhalle wurden zwölf Glasscheiben als Screen montiert, auf denen die Filme als Loop laufen. Schon deren Installation und wohl überlegte Platzierung lässt eher an eine Videoinstallation im Museum denken. Durch dieses Ensemble lässt er an zwei Tagen Joschka Fischer flanieren und auf das Material reagieren. Fischer steht sozusagen in der Geschichte und muss sich ihr stellen. So werden die Entwicklungen und politischen Prozesse Westdeutschlands lebendig. Das artifizielle Arrangement gibt Danquart und seinen Kameraleuten Christopher Häring und Kolja Brandt vielfältige Optionen der Bildgestaltung. Das gibt dem Film eine ungeheure Kraft und Qualität, die über das klassische Durchblättern von Fotoalben und das Einspielen dokumentarischer Archivaufnahmen hinausweist – selbst wenn er die chronologische Ordnung wählt.

Es ist eine Weiterentwicklung der Methode, mit der Marcel  Wehn 2007 Wim Wenders porträtierte in "Von einem der auszog". Damals waren es noch Fotos, doch die Intensität der Reaktion ist vergleichbar. So können die Zuschauer ganz nah miterleben, wie Joschka Fischer auf das Material reagiert. Er erzählt eloquent, zum Teil zugespitzt ironisch, dann wieder staatsmännisch getragen und ab und zu sogar kämpferisch seine Version der Ereignisse. Natürlich distanziert er sich inzwischen von seinen Steinewürfen im Frankfurter Straßenkampf. Eine Distanz offenbart sich auch gegenüber der Partie Dir Grünen, für die er seit 2006 nicht mehr aktiv ist. Kontrastiert werden sie mit Aussagen ehemaliger Weggefährten und Freunde, die weitere Facetten beisteuern. Erzählt wird der Werdegang von einem Getriebenen der Geschichte zum Geschichte schreibenden Staatsmann.

Durch die Perspektive des Persönlichen erinnert er an Eckpunkte von 60 Jahren deutscher Nachkriegspolitik und den Aufstieg der Grünen von der Protest- zur Regierungspartei. Nahezu ausgeklammert bleibt das Privatleben Fischers. Seine Positionen und Interpretation der Geschehnisse werden nicht weiter hinter fragt. Aber es geht nicht um ein investigatives Stück zu Joschka Fischer, nicht einmal um ein Porträt, sondern um ein Stück Geschichte aus dem Blickwinkel eines ehemaligen Spontis, der den gesellschaftlichen Aufstieg durchlaufen hat. Mit dem Rückzug aus dem Bundestag endet der Film und klammert seine weitere Karriere aus. Man spürt den Respekt, den Danquart vor ihm und seiner Ausstrahlung hat.

Die Spannung zu halten ist sicherlich eine der Stärken von Pepe Danquart, für den dieses Projekt eine echte Herausforderung bedeutete. Er ging bis an sein Limit um sein Ziel zu erreichen: "Natürlich habe ich den Anspruch, dass die Leute klüger aus dem Kino kommen als sie reingehen, doch dieser Erkenntnisgewinn muss unterhaltsam sein." Dies ist ihm auf jeden Fall gelungen.

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Kinostart:2010
19.05.2011 in Deutschland
weitere Titel:
Joschka und Herr Fischer
Joschka & Mr. Fischer
Genre:Dokumentarfilm
Herstellungsland:Deutschland
Originalsprache:Deutsch
Farbe:Farbe
IMDB: 178
Offizielle Webseite:www.joschkaundherrfischer.x-verleih.de
Regie:Pepe Danquart
Drehbuch:Pepe Danquart
Kamera:Kolja Brandt
Schnitt:Toni Froschhammer
Musik:Sebastian Padotzke
Produzent:Mirjam Quinte
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Rezensionen:

Datenstand: 17.10.2019 23:48:43Uhr