Der Papst ist kein Jeansboy

2011
Rezension zu Der Papst ist kein Jeansboy
Thomas Schneider
Thomas Schneider
Online-Redakteur im Haus des Dokumentarfilms

Selbst als Hermes Phettberg Mitte der neunziger Jahre auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit stand, hätte man von Beliebtheit nicht schreiben mögen. Phettberg, zu jener Zeit Moderator der »Nette Leit Show«, einer humoristischen, subversiven und sexuelle Anspielungen nie umgehenden Theater- und TV-Show. Heute ist er von Schlaganfällen, einem Herzinfarkt und anderen garstige Leiden gezeichnet und lebt »von langfristigen Darlehen mit hohem Risiko«, die dem »Elenden aus Wien« von »Gesonnenen« überlassen wurden. Der deutsche Filmemacher Sobo Swobodnik hat bereits 2011 mit »Der Papst ist kein Jeansboy« einen Dokumentarfilm über Phettbergs späte Jahre gemacht, der es nun noch in einige deutsche Kinos geschafft hat. Es ist ein monströses Wiedersehen.

Die schwarzweiße Ästhetik, die Regisseur Sobo Swobodnik für seinen Film gewählt hat, ist eine durchaus liebevolle. Sie vermittelt ganz ohne Glanzeffekte das triste Leben des »Elenden«. des »Scheiterhaufens«, wie sich Phettberg selber nennt. Zugleich lässt sie Manches aber auch in den Schatten verschwinden, dort, wo man so genau gar nicht hinschauen will. Was sind das jetzt für Flecken auf dem T-Shirt, welcher Unrat tümt sich rund um ihn auf? Auch die hellen und dunklen Kontraste in diesem Leben haben solche Geheimnisse.

Voyeurismus war schon immer eine Gier, die Phettberg mit seinem Publikum teilte und sie auch für sich nutzte. Seine Obsessionen hat er schamlos ausgelebt - seinen aufgedunsenen Körper, seine gierhafte Sexualität und seine sadomasochistischen Neigungen. Die zwischenzeitliche Berühmtheit als ein skurriler, jeglichen Anstand vermissender Künstler hatte auch viel damit zu tun, dass das Publikum sich an seinem monströsen Auftreten und seinem brachialen Sarkasmus nicht sattsehen und -hören konnte.

Mit W-Film hat der 2012 mit dem Max-Ophül-Preis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnete Film nun - besser spät, als nie - noch einen Kinoverleih gefunden. Von einem »Passionsspiel« schreibt der Verleih und zitiert damit Phettbergs zahllose und ausufernde Publikationen, bei denen er bewusst religiöse Motive wählte, um seine immer um die Verletztlichkeit des Fleisches drehende Fantasie ausspielte. Ein guter Vergleich, denn wie auch bei anderen Passionsspielen sind manche Stellen schlicht nicht auszuhalten. Erlösung durch Qualen? Dass man gerade dann hinschauen muss, wenn es am schlimmsten wird, ist eine der obszönen Weisheiten, die Phettberg möglicherweise überleben werden.

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Kinostart:20.10.2011 in DOK Leipzig – Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
02.07.2015 in Deutschland
weitere Titel:
Der Papst ist kein Jeansboy
Genre:Dokumentarfilm
Herstellungsland:Deutschland, Österreich
IMDB: 8
Offizielle Webseite:jeansboy.wfilm.de
Regie:Sobo Swobodnik
Drehbuch:Sobo Swobodnik
Kamera:Sobo Swobodnik
Musik:Malte Eiben
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Datenstand: 25.08.2019 07:11:07Uhr