Dass sich alles ändert, und zwar so schnell wie nie zuvor, klingt wie ein Gemeinplatz, scheint aber doch zu stimmen: Neue Technologien, allen voran die Digitalisierung, verändern den Alltag, die Arbeitswelt ist kaum wiederzuerkennen, politische Umbrüche und Millionen von Menschen, die auch in Europa Zuflucht suchen, fordern heraus.
Wir stecken tief drinnen in einer Zeit der neuen Unübersichtlichkeiten und Unsicherheiten. Da stellt sich die Frage: Was hat bei all dem noch Bestand, was aber bleibet? Was gilt unumstößlich? Welche Erkenntnisse und Werte können uns noch als Richtschnur in all diesen Umbrüchen helfen? Woran dürfen, ja müssen wir festhalten? Und wovon sollten wir uns besser verabschieden?
In den diesjährigen Gesprächen zur Fastenzeit spürt „Horizonte“ den Dingen nach, die bleiben, und jenen, die sich ändern (müssen). Dass der Schriftsteller, Dichter und Literaturprofessor Adolf Muschg einer der wichtigsten Intellektuellen der Schweiz ist, stimmt zwar, aber es ist doch nur die halbe Wahrheit. Denn der vielfach preisgekrönte Muschg - Jahrgang 1934 - hat immer weit über die Grenzen der Schweiz hinaus gedacht. Er gilt als einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum, als europäischer Denker. Er ist ein ständiger Stachel im Fleisch seiner eidgenössischen Heimat, aber auch in Europa. Schon seit Jahren mahnt er an, die Idee „Europa“ nicht dem Tagesgeschäft zu opfern. Aber diese Idee bedarf auch der stetigen Reflexion, der immer neuen Umsetzung. Gibt es eine europäische Leitkultur – geprägt vom gern zitierten jüdisch-christlichen Erbe? Oder lügen wir uns dabei selbst in die Tasche? Braucht Europa gerade in diesen Zeiten klare Grenzen, oder besitzt diese Staaten- und Ideengemeinschaft eine ungeahnte Integrationskraft? Wird Europa an den Krisen wachsen, sich neu besinnen?
Adolf Muschg ist ein leidenschaftlicher Europäer, ein Schweizer, der nicht müde wird, seine EU-Nachbarn an großartige europäische Traditionen zu erinnern. Was meint „Aufklärung“? Wie ist das mit der „Wahrheit“, die es nur im Plural gibt? Die aktuelle Krisensituation beschreibt Muschg als Härtetest für Europa, und es ist für ihn längst nicht klar, wie dies alles ausgehen wird. Angesichts der Flüchtlingskrise ist von der angeblichen Wertegemeinschaft nichts übriggeblieben.
Die EU hat eine Einheitswährung – aber keine Einheit. Überall gedeiht die Fremdenfeindlichkeit, und diejenigen, die unvorstellbare Not erlitten haben, werden an den europäischen Grenzen mit Stacheldraht und Schlagstöcken empfangen. Was hält Europa dann noch zusammen? Muschgs Befürchtung: nur der Hunger nach Gewinn. Und da Religion und Moral scheinbar ausfallen, bestimmt alleine die globale Marktwirtschaft, was ein Gewinn für Europa ist. Ein Flüchtling ist dann willkommen, wenn er wirtschaftlich nutzt. Oder können Moral und christliche Werte vielleicht doch noch helfen? Vielleicht die europäische Idee auferstehen lassen? Schließlich ist doch Ostern – das Fest der Auferstehung.
Muschg selbst hat die Auferstehung jedenfalls schon mal geprobt. In seinem neuen Buch „Die japanische Tasche“ lässt er die Figur Emil Gygax auferstehen, die er zuvor in seinem Roman „Suters Glück“ Selbstmord begehen ließ. Kurzum: Es lohnt, mit Adolf Muschg nachzudenken über das, was bleibet - von Europa, vom Leben und der Auferstehung.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 27.03.2016 um 09:30 Uhr auf HR.