Wenn es um das Erinnern geht, dann ist Aleida Assmann eine Expertin: nicht, weil sie so ein besonders gutes Gedächtnis hat - das hat sie vielleicht auch -, sondern weil die 1947 geborene Kultur- und Literaturwissenschaftlerin seit drei Jahrzehnten fragt: Was bedeutet es eigentlich, sich erinnern – individuell wie kollektiv? Wer sich erinnert, der denkt nicht nur an die Vergangenheit, sondern bestimmt auch, wer er heute ist. Wir schaffen so unsere Identität. Woran wir uns erinnern und was wir vergessen – das sind wir. Die Erinnerungen gestalten somit auch unsere Zukunft, sagt Aleida Assmann.
Sie weist aber auch darauf hin, dass wir uns nicht nur als einzelne Menschen erinnern, sondern auch als Gemeinschaften. Wir als Gesellschaft müssen uns fragen, woran wir uns erinnern wollen und was wir so zu einem Teil unserer Identität machen. Unser kulturelles Gedächtnis nennen wir das. Dazu gehören nicht nur schöne Dinge:
Was bedeutet es für die Zukunft, für junge Menschen, wenn immer wieder beteuert wird, wir Deutschen dürften den Holocaust nie vergessen? Wie aber, fragt Aleida Assmann, erinnert man richtig? Reichen Gedenktage, Denkmäler und Stolpersteine aus? Welche Erinnerungskultur brauchen wir? Dürfen wir auch als Gesellschaft vergessen, dürfen wir sagen, das gehört nicht zu uns? Welche Geschichte erzählen wir den vielen Menschen, die jetzt neu in unser Land kommen? Von was sagen wir, dass es unumstößlich zu uns gehört? Und was hat es auf sich mit der Operetten-Weisheit, dass glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist? Übers Vergessen, übers Erinnern und Gedenken und über das, was bleibet, spricht an diesem Sonntagvormittag Meinhard Schmidt-Degenhard mit der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann.
Dass sich alles ändert, und zwar so schnell wie nie zuvor, klingt wie ein Gemeinplatz, scheint aber doch zu stimmen: Neue Technologien, allen voran die Digitalisierung, verändern den Alltag, die Arbeitswelt ist kaum wiederzuerkennen, politische Umbrüche und Millionen von Menschen, die auch in Europa Zuflucht suchen, fordern heraus. Wir stecken tief drinnen in einer Zeit der neuen Unübersichtlichkeiten und Unsicherheiten. Da stellt sich die Frage: Was hat bei all dem noch Bestand, was aber bleibet? Was gilt unumstößlich? Welche Erkenntnisse und Werte können uns noch als Richtschnur in all diesen Umbrüchen helfen?
Woran dürfen, ja müssen wir festhalten? Und wovon sollten wir uns besser verabschieden? In den diesjährigen Gesprächen zur Fastenzeit spürt „Horizonte“ den Dingen nach, die bleiben, und jenen, die sich ändern (müssen). Die Frage nach dem, was bleibt und was sich verändert, meint auch die Frage nach dem, was wir erinnern, was wir verdrängen oder vergessen.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 06.03.2016 um 09:25 Uhr auf HR.