

Es gab eine Zeit, da konnten deutsche Autofahrer*innen fast blind und sturzbetrunken mit 100 km/h durch Städte und Gemeinden donnern, ohne sich strafbar zu machen. Kaum zu glauben, doch das allgemeine innerstädtische Tempolimit von 50 km/h wurde erst am 1. September 1957 eingeführt. Bis dahin konnte man Vollgas geben, auch wenn man die Umwelt nur schemenhaft wahrnahm - verbindliche Sehtests wurden erst 1963 eingeführt. Ab 1953 hieß es zwar ab und an "Pusten Sie mal!", aber die Fahruntüchtigkeit begann für den Gesetzgeber damals erst bei 1,5 Promille. Das entspricht, so meinen Mediziner*innen, neun Cognacs für einen Mann, der 70 Kilogramm wiegt. Es war eine andere Zeit, "als der Südwesten fahren lernte" und Mitte der 1950er-Jahre die Zulassungszahlen zu steigen begannen. Binnen 25 Jahren versechsfachte sich der Bestand an Fahrzeugen, die Fernseh-Reporter*innen der damaligen Zeit berichteten von "chaotischen Zuständen auf unseren Autobahnen", während Kameraleute einige Fahrzeuge zeigten, die mit vergleichsweise harmlosen Geschwindigkeiten unterwegs waren. Was nichts daran ändert, dass die Zahl der Verkehrstoten äußerst hoch war: Mitte der 1960er-Jahre lag sie bei 17.000 Menschen, das entsprach einer kompletten Kleinstadt. Stress hatten nicht nur die Autofahrer*innen, auch die Fußgänger*innen, weil die Autos und sie laut Straßenverkehrsordnung "gleichberechtigte Partner" sind. Die Folge: Wilde Jagdszenen in den Städten und Gemeinden. Wie in Stuttgart, wo 1959 eine junge Frau dabei gedreht wird, wie sie mit dem Kinderwagen versucht, die Straße zu überqueren. Und die Autofahrer*innen kein Pardon kennen ... "Als der Südwesten fahren lernte" ist eine 90-minütige Reise durch eine Zeit, in der in Fernsehstudios ernsthaft die Frage diskutiert wurde, ob Sicherheitsgurte sinnvoll seien. Eine Zeit, in der nur zehn Prozent aller Ärztinnen und Ärzte in der Lage waren, bei einem Unfall "Erste Hilfe" zu leisten. Eine Zeit, in der junge Leute zu Hunderten als "Anhalter*innen" unterwegs waren und die Autobahn zu Fuß überqueren konnten, weil so wenig los war. Eine Zeit, in der der ehemalige Automobil-Rennfahrer Richard von Frankenberg im Südwesten "Tipps für Autofahrer" gab und erklärte, wie Warndreiecke auch bei Windstärke neun stehenbleiben oder wie man richtig überholt. "Als der Südwesten fahren lernte" schildert das Leben auf und neben dem Asphalt in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg von A wie Alkohol über F wie Führerschein, P wie Politesse bis hin zum Z wie Zebrastreifen. Auf liebevolle, augenzwinkernde Art, mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts und dem Staunen darüber, dass damals so vieles unvorstellbar war, was heute selbstverständlich ist.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Samstag, den 03.04.2021 um 14:00 Uhr auf SR.