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Zeuge der Zeit: Rabbi Dr. Henry G. Brandt

Von der Suche nach dem Verlorenen
Donnerstag, 30.04.2020 02:15 Uhr
BR
Donnerstag
30.04.2020
02:15 Uhr
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Bildquelle: Pressebild (ard2017)
Bildquelle: Pressebild (ard2017)

"Wir sitzen hier gemeinsam im gleichen Boot. Ich helfe Dir, du hilfst mir. So wuchsen wir auf. Das war Freiheit." Erinnert sich Henry Brandt, wenn er von seiner Ankunft als 12-Jähriger in Tel Aviv im Jahre 1939 spricht. Die Freiheit. Nur kurz zuvor hätte Familie Brandt sie fast verloren.

Bis zum letzten Moment wollte Vater Friedrich Brandt es nicht wahrhaben. Seine Heimat Deutschland, für die er im Ersten Weltkrieg als Patriot gekämpft hatte, würde ihn und seine Familie schützen. Aber weit gefehlt. Die beiden Schwabinger Schuhgeschäfte der Familie Brandt wurden enteignet, die geliebte liberale Hauptsynagoge am Lenbachplatz noch vor der Pogromnacht im November 1938 abgerissen. Mit einem der letzten Schiffe nach Palästina gelingt der Familie die Flucht.

Für Henry G. Brandt, der damals noch Heinz-Georg heißt, ist es eine Flucht nach vorn. In diesem erstmals so ausführlichen Interview erzählt der heute (2017) 90-jährige Rabbiner Henry G. Brandt von seinen verschiedenen Leben: seinem Kindheitstraum, Straßenbahnfahrer in München zu werden. Seinem leidenschaftlichen Einsatz als junger Hagana-Kämpfer beim Unabhängigkeitsprozess des Staates Israel.

Seinem Leben als Marktanalyst bei Ford in England und seiner Berufung zum Rabbiner, die ihn über unterschiedliche Länder zurück nach Bayern führte und zu einem der prägendsten Persönlichkeiten im liberalen Judentum Europas sowie im interkonfessionellen Dialog machte.

Was letztendlich ein rosaroter Elefant mit Henry G. Brandts Rückkehr nach Deutschland zu tun hatte - auch davon erzählt der vielfach auszeichnete Rabbiner auf seine kluge, humorvolle und einnehmende Weise in diesem Film. Vor diesem Hintergrund hat es sich der Bayerische Rundfunk zur Aufgabe gemacht, das Zeugnis von Holocaust-Überlebenden zu dokumentieren und für künftige Generationen zu bewahren. Die Reihe "Zeuge der Zeit" spürt dem Schicksal von Menschen nach, die als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene den Terror des NS-Regimes erleiden mussten. Menschen wie Aba Lewit, der lange geschwiegen hat und mit 94 Jahren zum ersten Mal im deutschen Fernsehen Einblick in seine Überlebensstrategien in nationalsozialistischen Konzentrationslagern gewährt. "Ich habe die ganze Zeit nicht damit gerechnet zu überleben", sagt er rückblickend. "Es war ein Leben auf die Minute. Nicht auf den Tag. Auf die Minute."

Fishel Rabinowicz schreibt es dem Glück zu, dass er den Holocaust überlebt hat, denn er war unter anderem in Autobahn-Baubrigaden eingeteilt, in denen die Sterblichkeitsraten der Häftlinge besonders hoch waren. "Ich hatte feuerrotes Haar, weshalb mich die Deutschen 'Rotkopf' nannten und mir leichtere Arbeiten als den anderen Gruppenmitgliedern gaben", erinnert er sich. Erst nach seiner Pensionierung fand Rabinowicz in der Malerei eine Möglichkeit, seine traumatische Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Dennoch bleibt er - wie jeder einzelne Überlebende - psychisch von den Erfahrungen des Holocaust gezeichnet.

Darüber, wie Verfolgung und Völkermord in der NS-Zeit ihr Leben geprägt haben, berichten außerdem die Zeitzeugen Esther Bejarano, Henry G. Brandt, Ruth Melcer, Mano Höllenreiner, Senek Rosenblum, Abba Naor, Max Volpert, Heinz Kounio und Ernst Grube.

Autor: Michaela Wilhelm-Fischer
Redaktion: Andreas Bönte

Textquelle: Presseportal

Die Sendung wird ausgestrahlt am Donnerstag, den 30.04.2020 um 02:15 Uhr auf BR.

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Dokumentation/Reportage, NS-Zeit und Folgen, Porträt/Biografie, Geschichte, 75 Jahre Kriegsende