Thomas Heise über seinen Film: "Das hatte ich nicht erwartet, und blieb mit offenem Mund. In der kurzen Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, als die Arbeit überhandnahm. Gesprochen wurde wenig. Es gab nichts zu sagen. Es geschah. Ich verfolgte beobachtend die einzelnen Schritte des Vorgangs und sah, wie die Arbeiter jeden dieser Schritte gehen. Ich war interessiert an der Sprache ihres Körpers im Lärm der Maschine, ihrem Atem. Ich sah die Bewegungen, routiniert, ohne Überflüssiges, den Produktionsabläufen optimal angepasst. Die Spannung im Körper. Der Arbeiter vor der Aschemühle wie ein Tänzer oder ein sehr speziell exerzierender Soldat. Seine Arbeit, sein Tanz, wurde von einer Kamera überwacht, das Bild davon in die Zentrale übertragen und aufgezeichnet. Das Überraschende, die Endlosigkeit, der stetige Nachschub, dem nicht zu entgehen war, nie eine Pause, niemals Stille, kein Moment, in dem ein Mensch zur Ruhe kommt. Und ich bemerkte, wie ich mich zu gewöhnen begann. Die gleichmütige, fließende Bewegung des Handrückens wenige Zentimeter über der Asche, die knisternden Knochen. Die Reparatur des Ofens bei laufendem Betrieb zum Jahreswechsel nach Mitternacht. Die Konsequenz, das Offensichtliche, das mit uns geschieht. Wirtschaft, Horatio, Wirtschaft!"
Philipp Stadelmaier schrieb in der "Süddeutschen Zeitung": "Thomas Heise filmt das ewige Goldene Zeitalter in einem Krematorium: Die Särge stapeln sich in die Höhe, die Aschemühlen laufen heiß. Auf dem Arm des Technikers: Life is a bitch. ‚Bitches' sind auch die Leichen, mit Pampers und Schläuchen im Bauch: einmal Asche, kann man hier nicht mehr oft genug putzen. Um diese unbesiegbare, lustige ‚Gegenwart' der Toten zu filmen, muss man ein genialer Surrealist sein, wie Buñuel einer war und Heise einer ist." Thomas Heises "Gegenwart" war in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm" für den Preis der deutschen Filmkritik 2013 nominiert.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 06.08.2017 um 03:40 Uhr auf arte.