Europa rückt nach rechts. Der Aufstieg populistischer Parteien und die Angst davor bestimmt die politische Diskussion. Ausgerechnet bei unserem direkten Nachbarn den Niederlanden finden die nächsten Parlamentswahlen statt und hier hat der Rechtspopulist Geert Wilders sogar Chancen, der nächste Ministerpräsident zu werden.
Ausgerechnet Holland! Warum hat sich gerade hier ein solches Klima entwickelt? Jahrzehntelang galt das Land an der Nordsee als liberaler Leuchtturm - modern, aufgeschlossen und tolerant, international ausgerichtet und weltläufig. Doch Ausländerfeindlichkeit und Anti-EU-Stimmen sind inzwischen so normal, wie es noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war, auch für viele Niederländer. Die Stimmung in der Gesellschaft ist rauer geworden, der Umgangston schriller.
Die Dokumentation sucht nach den Ursachen für die größte Umwälzung in der niederländischen Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Damals sind die Niederlande ein 'versäultes' Land. Man lebt im eigenen katholischen, protestantischen, liberalen oder sozialdemokratischen Milieu. Es gibt katholische Gewerkschaften, protestantische Sportvereine, sozialistische Chöre, liberale Schachvereine. Katholische Pudel werden im katholischen Tiersalon getrimmt. Da aber keine dieser Säulen stark genug ist für eine Mehrheit, müssen sich die politischen Eliten zusammenraufen. Durch diesen Zwang zur pragmatischen Zusammenarbeit - sonntags beschimpft man sich, montags koaliert man - bleibt das politische System über Jahrzehnte äußerst stabil.
Das ändert sich in den 60ern. Das strukturell konservative, stark christlich geprägte Land öffnet sich - zumindest dem Gesetz nach, und im Selbstbild vieler Niederländer. Toleranz bei Drogenkonsum und Prostitution, Homosexuellenrechte, Schwangerschaftsabbruch und später bei der Sterbehilfe machen die Niederlande zum wohl liberalsten Land der Welt. Auch die vielen Einwanderer werden geduldet, solange sie unter sich bleiben und keinen Ärger machen. Man gibt sich gern offen, am liebsten aber dann, wenn man selbst nicht betroffen ist. Die angebliche Toleranz ist oft nur Gleichgültigkeit.
Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes richtet sich der Blick vieler Holländer immer stärker auf das eigene Land. Bei Wahlen entwickeln sich die Niederländer zum Volk mit der geringsten Wählerbindung in Europa. Und auch der unbedingte Wille zur Zusammenarbeit wird in Frage gestellt.
Der dramatische Wendepunkt kommt mit der Ermordung Pim Fortuyns im Jahr 2002 und dem politischen Erdbeben, das darauf folgt. Mit dem ersten erfolgreichen Rechtspopulisten der Niederlande wird ein Kompromissmodell zu Grabe getragen. Inzwischen haben die Niederlande eines der rigidesten Ausländergesetze Europas und vom Vorreiter der europäischen Einigung sind sie zum einem der größten Bremser geworden. Holland ist die nächste Schicksalswahl in Europa. Im Mai folgt Frankreich. Beide Wahlen gelten als Stimmungsbarometer für die Bundestagswahl in Deutschland am 24. September.
WDR.DOK zeigt die Entwicklung in unserem Nachbarland und redet mit Zeitzeugen über die Jahre vor und nach 2002.
Ein Film von Peter Wollring und Martin Herzog
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 12.03.2017 um 12:15 Uhr auf tagesschau24.