Recep Tayyip Erdogan kann auf eine lange Politikerkarriere zurückblicken: Oberbürgermeister von Istanbul, Vorsitzender der islamisch-konservativen AKP, langjähriger Ministerpräsident und seit August 2014 Staatspräsident der Türkei.
Als er 2003 mit der AKP an die Macht kam und zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, sah die internationale Gemeinschaft zunächst einen proeuropäischen Demokraten in Erdogan, der die Armee zurückdrängte und einen moderaten Islam verkörperte. Während des Arabischen Frühlings blickten Nordafrika und der Nahe Osten nach Ankara. Die Türkei konnte sich einer boomenden Wirtschaft erfreuen, selbst der Dialog mit den Kurden kam wieder in Gang. Doch nun zeigt sich Erdogan als Machtpolitiker, geht systematisch gegen Minderheiten, die Opposition und freie Medien vor.
Als 2013 die Protestbewegung auf dem Istanbuler Taksim-Platz brutal niedergeschlagen wird, mehren sich die Stimmen, die Erdogan Despotismus vorwerfen. Korruptionsskandale, Terroranschläge, der wiederaufflammende Konflikt mit den Kurden und die Flüchtlingskrise erschüttern das Land. Nach dem missglückten Putschversuch vom 15. Juli 2016 werden Tausende Lehrer, Richter und Staatsbeamte entlassen und inhaftiert, die Presse mundtot gemacht.
Guillaume Perrier und Gilles Cayatte haben in den USA, der Türkei und Deutschland zahlreiche langjährige Weggefährten, Freunde und Gegner Erdogans getroffen und ein kontrastreiches Porträt des ”Sultans vom Bosporus” gezeichnet. Ihnen ist es unter anderem gelungen, ein Interview mit Fethullah Gülen, dem ehemaligen Verbündeten und heutigen Staatsfeind Nummer eins, zu führen, der seit Jahren die Medien meidet.
Thema: Türkei - Großmacht in der Krise
Die Türkei liegt zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer, zwischen Asien und Europa. Die westliche Lebensweise und das Erbe des Osmanischen Reiches waren hier immer auf Tuchfühlung. Als Verbündete des Westens und Mitglied der Nato steht sie zusammen mit der Europäischen Union in vorderster Front in der Syrien- und in der Flüchtlingskrise. Aufgrund ihrer strategisch wichtigen geografischen Lage und ihrer aufstrebenden Wirtschaft ist sie ein unverzichtbarer Partner des Westens, ein Schlüsselland für die Stabilität der Region.
13 Jahre schon herrscht in der Türkei der Präsident, der „Sultan” Recep Tayyip Erdogan, der nach dem niedergeschlagenen Putschversuch im Juli 2016 Staat und Gesellschaft gnadenlos „säubert” und die letzten Reste von Presse- und Meinungsfreiheit mit Füßen tritt. THEMA zeigt das Porträt eines Mannes, der die Macht einer in ihre Widersprüche verstrickten Türkei verkörpert. So widersprüchlich wie der Präsident scheint auch seine Haltung im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat, mit deren Rolle in der Türkei sich der zweite Film des Abends beschäftigt.
Doch niemand kann die heutige Türkei verstehen, ohne einen Blick in die wechselhafte Geschichte des Landes zu werfen. Die Türkei entstand aus der Asche eines riesigen Reiches, das die heiligen Stätten der drei monotheistischen Religionen beheimatete und ein in der Menschheitsgeschichte einzigartiges Gemisch von Sprachen, Kulturen und Religionen aufwies. Trotz all dieser Machtkonzentration bedurfte es nicht einmal eines Jahrhunderts, bis sich das Osmanische Weltreich aufzulösen begann. Auf seinen Trümmern zeichnet sich eine neue Türkei ab, aber was für eine?
Regie: Guillaume Perrier, Gilles Cayatte\nProduzent: ARTE\n
Die Sendung wird ausgestrahlt am Freitag, den 09.12.2016 um 10:55 Uhr auf arte.