Bayern in der Nachkriegszeit: Flüchtlingselend, zerbombte Städte und amerikanische Besatzungstruppen. Eine Zeit der Schulderkenntnis und der Schuldzuweisungen, eine Zeit der Befreiung und, für viele, eine bleierne Zeit.
"Keine Experimente" - das gilt für den ersten Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, ebenso wie für den bayerischen Landesbischof Hans Meiser, der nach dem verlorenen Krieg verkündet: "Die Entgottung der Welt ist doch die letzte Ursache der Weltkatastrophe, in die wir hineingestoßen sind". Nun gilt es die Zukunft zu gestalten. Der Blick des Landesbischofs schweift versonnen zurück. Er will eine "Rechristianisierung" der Gesellschaft erreichen durch eine streng hierarchisch geführte Kirche wie in den guten alten Tagen der Kaiserzeit.
Die Tagespolitik kommt seinen Bestrebungen zu Hilfe. Nach der deutschen Kapitulation sucht die amerikanische Militäradministration Kontakt zu den beiden Kirchen in Bayern, die ihr als Widerstandsorganisationen gelten. Die Kirchenleitung der bayerischen Landeskirche gewinnt als Gesprächspartner rasch Einfluss in Bayern. Denn die amerikanische Besatzungsmacht wie die Landeskirche haben einen gemeinsamen Feind: den sowjetischen Kommunismus.
Meiser setzt seine Vorstellungen von Kirche bis zum Ende seiner Amtszeit 1955 beharrlich durch. In Bayern herrscht alsbald eine "Amtskirche" statt einer brüderlichen Kirche, Frauen haben in und außerhalb der Kirche zu dienen, mitentscheiden dürfen sie nicht. Die Fragen nach den Verstrickungen der Kirche in den NS-Staat werden von der Kirchenleitung murrend umgangen zugunsten einer eifrig betriebenen Volksmission.
Doch mit Swing und "Reeducation" kommt ein völlig neues Lebensgefühl in den Freistaat. Damit hadert die Kirchenleitung leidenschaftlich.
Der Film von Jutta Neupert erzählt von den Befindlichkeiten in der evangelischen Landeskirche nach dem Krieg und in den 1950er Jahren. In der historischen Kollage berichten drei Zeitzeugen von ihren Erlebnissen zwischen Aufbruch und Anpassung. Historische Filmausschnitte legen ein beredtes Zeugnis vom damaligen Lebensgefühl ab. Zugleich vermittelt die Dokumentation, wie Landesbischof Meiser kirchenpolitische Entscheidungen traf, die bis weit in die 1970er Jahre Bestand hatten.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 27.11.2016 um 13:15 Uhr auf ARD alpha.