Das Osmanische Reich war schon geschwächt, als es 1914 an der Seite von Deutschland und Österreich-Ungarn in den Krieg eintrat. An allen Ecken und Enden des Reiches, das sich mittlerweile auf Kleinasien – Anatolien – und die letzten Provinzen in Syrien, Palästina, Mesopotamien und Hedschas beschränkte, wurde gekämpft. Zu Zeiten dieser Beschränkung auf den „harten anatolischen und muslimischen Kern“ des Osmanischen Reiches, wie der Politologe Hamit Bozarslan es bezeichnet, wird mit der Vernichtung der Armenier, der in Anatolien lebenden Christen, der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts verübt.
Vor diesem Hintergrund muss man auch die Versuche des Reiches – nun in den Händen der Jungtürken – sehen, seinen Einfluss auf die verbliebenen arabischen Provinzen zu wahren, die als letzte Bastion angesehen wurden. Aber auch die arabischen Völker waren es leid, zentral von Istanbul aus regiert zu werden, und verfolgten nationale Bestrebungen. Durch die 1916 von Hussein, Scherif von Mekka, angestoßene Revolte wurde die Spaltung besiegelt. Und die Feinde des Reiches wussten die Gunst der Stunde zu nutzen. Briten und Franzosen spielten die Ambitionen der Araber gegenüber den Osmanen aus, nur um anschließend die Versprechen an die arabischen Herrscher schnell wieder zu vergessen und ihren eigenen Vorteil daraus zu ziehen.
Was vom Osmanischen Reich noch übrig geblieben war, wurde in künstlich geformte Nationalstaaten mit umstrittenen Grenzen gegossen. Die Entstehung von Ländern wie Libanon, Syrien, Palästina, Transjordanien oder Irak ist vor allem auf das Expansionsstreben der Briten und Franzosen zurückzuführen.
Als die Siegermächte 1921 versuchten, das untergehende Osmanische Reich in enge Grenzen zu verweisen, ergriff der türkische Offizier Mustafa Kemal die Führung der starken türkischen Nationalbewegung. Er bekämpfte die Alliierten ebenso wie die letzten treuen Anhänger des Reiches, schaffte das Sultanat ab und rief 1923 die Republik Türkei aus. Um die Gebiete, in denen vormals unterschiedliche Bevölkerungen lebten, zu „homogenisieren“, wies die Türkei mehr als eine Million Christen nach Griechenland aus, von wo aus wiederum die dort noch verbliebene muslimische Bevölkerung deportiert wurde. Dieser Bevölkerungstausch besiegelte endgültig den Sieg der Nationalstaaten über das Osmanische Reich.
Sechs Jahrhunderte lang war das Osmanische Reich eine Großmacht, die sich über drei Kontinente und die sieben Weltmeere erstreckte. Ein riesiges Reich, Ort heiliger Stätten, Heimat der drei monotheistischen Weltreligionen, mit einer Vielzahl an Sprachen, Kulturen und Religionen, das seinesgleichen sucht – und in weniger als einem Jahrhundert zu Fall gebracht wurde. Auf seinen Trümmern ist die Welt von heute entstanden. Wer die Geschichte kennt und versteht, wird auch die politischen, religiösen und ethnischen Konflikte von heute verstehen – sei es in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, der Türkei, im Libanon, in Syrien, Israel, Palästina oder im Irak.
Türkei - Großmacht in der Krise
Die Türkei liegt zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer, zwischen Asien und Europa. Die westliche Lebensweise und das Erbe des Osmanischen Reiches waren hier immer auf Tuchfühlung. Als Verbündete des Westens und Mitglied der Nato steht sie zusammen mit der Europäischen Union in vorderster Front in der Syrien- und in der Flüchtlingskrise. Aufgrund ihrer strategisch wichtigen geografischen Lage und ihrer aufstrebenden Wirtschaft ist sie ein unverzichtbarer Partner des Westens, ein Schlüsselland für die Stabilität der Region. 13 Jahre schon herrscht in der Türkei der Präsident, der „Sultan” Recep Tayyip Erdogan, der nach dem niedergeschlagenen Putschversuch im Juli 2016 Staat und Gesellschaft gnadenlos „säubert” und die letzten Reste von Presse- und Meinungsfreiheit mit Füßen tritt. THEMA zeigt das Porträt eines Mannes, der die Macht einer in ihre Widersprüche verstrickten Türkei verkörpert. So widersprüchlich wie der Präsident scheint auch seine Haltung im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat, mit deren Rolle in der Türkei sich der zweite Film des Abends beschäftigt.
Doch niemand kann die heutige Türkei verstehen, ohne einen Blick in die wechselhafte Geschichte des Landes zu werfen. Die Türkei entstand aus der Asche eines riesigen Reiches, das die heiligen Stätten der drei monotheistischen Religionen beheimatete und ein in der Menschheitsgeschichte einzigartiges Gemisch von Sprachen, Kulturen und Religionen aufwies. Trotz all dieser Machtkonzentration bedurfte es nicht einmal eines Jahrhunderts, bis sich das Osmanische Weltreich aufzulösen begann. Auf seinen Trümmern zeichnet sich eine neue Türkei ab, aber was für eine?
Regie: Mathilde Damoisel\nProduzent: ARTE F\n
Die Sendung wird ausgestrahlt am Dienstag, den 22.11.2016 um 23:15 Uhr auf arte.