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Kunst für Millionen

100 Skulpturen der Mao-Zeit
Sonntag, 06.11.2016 09:30 Uhr
SR
Sonntag
06.11.2016
09:30 Uhr
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Im einstigen Hof für die Pachteinnahme des legendären chinesischen Großgrundbesitzers Liu Wencai (1887-1949) steht das gleichnamige Werk, der "Hof für die Pachteinnahme", das berühmteste Skulpturenensemble des modernen China, geschaffen 1965, ein Jahr vor Beginn der Kulturrevolution.
Es handelt sich nicht um isolierte Statuen, sondern um eine Erzählung, die 114 lebensgroße Tonfiguren durch dramatische Handlungen miteinander verbindet: Sie zeigen die Ausbeutung der Bauern in der Feudalzeit, ihren Betrug, ihre Misshandlung und schließlich ihre Revolte während der Pachteinnahme durch die Verwalter und Büttel des Großgrundbesitzers Liu Wencai.
In nur vier Monaten schuf ein Bildhauerkollektiv der Kunsthochschule von Chongqing vor Ort, im einstigen Hof für die Pachteinnahme selbst, diese Skulpturen, die Chinas Bildhauerkunst revolutionierten: Aus westlichen Einflüssen, vor allem dem französischen Naturalismus und dem damals in China dominierenden sozialistischen Realismus à la Sowjetunion entstand durch den Rückgriff auf die chinesische Volkskunst, eine für China einzigartige, neue bildhauerische Sprache.
Ursprünglich ein Propaganda-Auftrag der Kommunistischen Partei, um die Bevölkerung "zum Klassenkampf zu erziehen", dann während der Kulturrevolution entsetzlich missbraucht - es wurden unzählige platte und veränderte Kopien hergestellt - wirkt die Skulpturenerzählung aus Trockenlehm heute wie die Erinnerung an eine Utopie: die Hoffnung auf eine Gesellschaft ohne schreiende soziale Ungerechtigkeit und ohne unterdrückerische Gewalt.
Welche Sprengkraft die Skulpturen haben, erfuhren zwei ihrer Schöpfer am eigenen Leib, als sie mit ARTE nach Dayi fuhren, um vor Ort zu erklären, was sie als Bildhauer bei der Schaffung ihrer Figuren vor 44 Jahren bewegte: Die repressive Gewalt, die sie mit den Figuren des Großgrundbesitzers und seiner Büttel dargestellt hatten, tauchte plötzlich in neuer Gestalt auf und wandte sich gegen sie.
Im Frankfurter Museum Schirn war ein propagandistisches Kleinod aus China zu sehen: Die 100-teilige Skulpturengruppe „Hof der Pachteinnahme“, eine Installation zur ideologischen und emotionalen Aufrüstung des Volks unter der Diktatur Maos in den 60er Jahren. Dieses Ensemble, damals x-fach vervielfältigt für Propagandareisen durchs chinesische Riesenreich, existiert heute nur noch in zwei Exemplaren: Als Original, untergebracht in einem ehemaligen Feudal-Palast, und als Replik im „Sichuan Fine Arts Institute“ im Chongqing.
Das Original der Gruppe steht noch heute, hinter Panzerglas gesichert, an seinem Ursprungsort in Dayi, in der Provinz Sichuan, mitten im Palast jenes Feudalherren, den es wirklich gab. Die Skulpturen wurden von einer Gruppe von Künstlern und Lehrern der Kunstakademie in Sichuan im Staatsauftrag 1965 vor Ort geschaffen.
Dieses in China hochberühmte und bei uns noch völlig unbekannte Ensemble ist – trotz aller ideologischen Zwecke, die damit verbunden waren ein ungeheuer expressives und kunstfertiges Werk, von großem erzählerischem Reichtum. Das Skulpturenensemble besteht aus 100 in Ton modellierten lebensgroßen Figuren. Ein Zug geplagter, geschundener Menschen, traurig, verzweifelt, empört. Es stellt in drastischem Realismus hundert trostlose, ausgemergelte Gestalten dar, die bei ihrem Feudalherrn Schlange stehen, um ihm auf Knien rutschend einen Teil ihrer kargen Ernte als Pacht abzuliefern. Am Ende des Zuges sitzt der selbstgefällige Feudalherr Liu Wencai, blickt mürrisch und zugleich zynisch auf die von ihm Ausgebeuteten.
Dokumentation Deutschland 2009

Regie: Samuel Schirmbeck\n

Textquelle: Presseportal

Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 06.11.2016 um 09:30 Uhr auf SR.