Als Manfred Baumgärtner in der Völklinger Hütte am Hochofen stand, war seine Arbeitswoche unglaubliche 56 Stunden lang. Arbeitsfrei am Samstag? Unvorstellbar! Er trug unzulängliche Arbeitskleidung, nicht einmal feuerfest. Zu den Hochkonjunkturzeiten der Stahlhütte arbeiteten 17.000 Menschen dort. Woran erinnern sich der Stahlwerker, die LPG-Bäuerin, der Bergmann, der Hochseefischer, die Krankenschwester und der Fließbandarbeiter, wenn sie an ihr Arbeitsleben denken? War es Last oder Lust? Maloche oder Kampf um bessere Bedingungen? Sechs Menschen, deren Arbeit heute getrost als Knochenjob bezeichnet werden kann, nehmen die Zuschauer mit in eine Welt, die vielerorts längst mit der Rationalisierung, Automatisierung oder Digitalisierung verschwunden ist: die der schweißtreibenden, körperlichen Arbeit. Sie erzählen voller Energie, Humor und Stolz.
Mit eindrucksvollem Archivmaterial und zum Teil noch nie gezeigten Bildern aus privaten Beständen entführt der Film in eine Arbeitswelt, die sich junge Menschen heute kaum noch vorstellen können. Und doch ist es keine 60 Jahre her, dass Wilhelm Veith Autos am Fließband per Hand lackierte: im Ganzkörperanzug mit Schutzmaske. Frischluft wurde ihm mit dem Schlauch zugeführt. Für den heute 77-jährigen Wilhelm Veith ist genau das Arbeit: sich körperlich zu verausgaben. So war es auch für seinen Bruder und seinen Vater, sie alle arbeiteten bei Opel. Heute ist es eher eine Ausnahme, wenn jemand von seiner Hände Arbeit eine Familie ernähren kann. Veiths Neffe Jörg optimiert jetzt die Arbeitsabläufe im Karosseriebau. Dass diese Tätigkeit ebenfalls Arbeit darstellt, kann sich Wilhelm Veith nur schwer vorstellen. Aber er kann das Ergebnis sehen: An den Bändern und Ständen, wo früher hunderte Menschen im Einsatz waren, stehen heute fast nur noch Roboter.
Die große Zeit der deutschen Stahlhütten und Kohleminen ist vorbei. Trotzdem erzählen die Menschen in diesem Film auch von der Gegenwart, wenn sie sich an ihre Arbeit erinnern. Denn es gibt ihre Jobs noch immer: globalisiert und oft unter unmenschlichen Bedingungen in Asien, Afrika und Südamerika. Ob in Ost oder West: Alle, die im Film erzählen, kannten den Stolz auf ihre Arbeit - und sie verfluchten den Druck und die Härte. Beißende Luft in der Gaskokerei, durchdrungen von Ammoniak, Teer, Benzol und Schwefel. Eintönigkeit der Handgriffe im Dauerlärm der Maschinen. Steigerung der Norm und die Angst, verdrängt zu werden.
Arbeitsleben im Wandel - von Bremen bis nach Saarbrücken, von Rüsselsheim bis nach Mestlin in Mecklenburg. Der Film eröffnet persönliche und bewegende Rückblicke auf die vergehende Industriegesellschaft im Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft.
Aus der Reihe "Geschichte im Ersten"
* ARD-Themenwoche 2016: "Zukunft der Arbeit"
"Zukunft der Arbeit" ist der Titel der ARD-Themenwoche 2016, die in diesem Jahr vom Hessischen Rundfunks (hr), vom Saarländischen Rundfunk (SR) und von Radio Bremen verantwortet wird. Eine Woche lang, vom Sonntag, 30. Oktober, bis Samstag, 5. November, beleuchten Sendungen im Ersten, in allen dritten Programmen und in den Partnerprogrammen der ARD, im Radio und im Internet die unterschiedlichen Facetten der digitalen Arbeitswelt und wie sich die Menschen heute und morgen über ihre berufliche Tätigkeit definieren.
Wer sind die Gewinner und Verlierer?
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen. Digitalisierung und Globalisierung schreiten unaufhaltsam voran. Die klassische Erwerbsarbeit des Industriezeitalters verliert an Bedeutung. "Industrie 4.0", "Sharing-Ökonomie" oder "Cloud-Working" heißen die Schlagworte. Das "Internet der Dinge" wird schon bald Produkte aus dem 3D-Drucker möglich machen, individueller und billiger als heute. Software wird Sachbearbeiter in den Büros ersetzen, Automaten werden sich selbst optimieren. Neue Plattformen und Netzwerke machen bereits jetzt jeden Autobesitzer potentiell zum Billig-Taxi-Anbieter und jeden Wohnungsbesitzer zum Vermieter von Gästezimmern. Aber wer sind bei all diesen Veränderungen eigentlich Gewinner und Verlierer?
Der Stellenwert von Arbeit
Und wie verändern sich der gesellschaftliche und der persönliche Stellenwert von Arbeit? Arbeit wird mit Geld entlohnt. Doch entspricht der Lohn auch der Leistung? Das monatliche Einkommen eines Bankers ist weit höher als das einer Altenpflegerin, ein Immobilienmakler verdient mehr als ein Konditor, eine Hausfrau bekommt gar keinen Lohn. Andere wiederum vermehren ihr Vermögen, ohne dafür zu arbeiten. Immer häufiger wird gefragt: Ist das gerecht? Wer und was bestimmen eigentlich heute und in Zukunft den Wert der Arbeit in unserer Gesellschaft?
Die ARD-Themenwoche 2016 beschreibt die "Zukunft der Arbeit" nicht als technologische Vision, sondern stets mit dem Blick auf den Wert der eigenen Arbeit: Welchen Stellenwert hat meine Arbeit? Was passiert mit meinem Arbeitsplatz? Wie verdiene ich morgen mein Geld? Was müssen unsere Kinder heute lernen, um in der zukünftigen Arbeitswelt zu bestehen? Wer sorgt dafür, dass unsere Arbeitsgesellschaft nicht auseinanderfällt?
Diesen Fragen gehen die Programme der ARD eine Woche lang aus unterschiedlichen Blickwinkeln nach - in Spielfilmen und Fernseh-Dokumentationen, in aktuellen Radioprogrammen und in Ratgeber-Sendungen und mit einem umfangreichen Dossier im Netz.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Freitag, den 04.11.2016 um 21:17 Uhr auf tagesschau24.