ESC zum Schließen · Enter zum Suchen

Tod eines Managers. Der Fall Wauthier

Film von Tina Soliman und Torsten Lapp - ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“
Donnerstag, 03.11.2016 23:15 Uhr
HR
Donnerstag
03.11.2016
23:15 Uhr
Teilen:
Bildquelle: ARD-Pressebild
Bildquelle: ARD-Pressebild

"Joe Ackermann is so far the worst Chairman I ever met." - „Josef Ackermann ist der schlechteste Vorsitzende, den ich je getroffen habe." Mit diesen Worten beginnt der Abschiedsbrief von Pierre Wauthier, bis 2013 Finanzchef (CFO) der Zurich Versicherung. Als diese Zeilen seinen Arbeitgeber erreichen, ist er schon tot in seinem Haus am Zuger See aufgefunden worden, erhängt, die Hände hinter den Rücken gebunden. Kurze Zeit nach Wauthiers Tod tritt Josef Ackermann von seinem Posten als Verwaltungsrat bei der Zurich zurück.
Pierre Wauthier galt als stiller Perfektionist, rational, ein Zahlenmensch, integer und konsequent. Seine wenige freie Zeit verbrachte er mit der Familie. Sein Posten als Finanzchef der Zurich Versicherung füllte ihn offenbar aus. Mehr noch: Es war sein Lebensziel, diesen Posten zu erreichen.
Doch 2012 verändert sich etwas bei der Zurich Versicherung. Der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann wird Verwaltungsratspräsident und bringt ein anderes Klima in die Versicherungswelt. Pierre beklagt seiner Frau gegenüber, dass Ackermann der Versicherung die Philosophie einer Bank überstülpen wolle. Ackermann habe mit der Firmentradition ruhiger, höflicher Meetings gebrochen, bestätigen ehemalige Kollegen. Es kommt zu Situationen, in denen sich Wauthier völlig allein gegenüber Ackermann agieren sieht, ohne dass ihn sein direkter Chef, CEO Martin Senn, geschützt hätte. In dieser Zeit verlassen einige hochrangige Kollegen Wauthiers das Versicherungsunternehmen. Wauthier aber bleibt. Er gilt als extrem gewissenhaft und idealistisch, auch perfektionistisch, pflichtbewusst, sensibel, aber hart in der Sache. Wauthier ist mit Leib und Seele Finanzchef, gilt weltweit als einer der besten seines Fachs. In der Woche vor dem Suizid absolviert er 16 Meetings in zwei Tagen an unterschiedlichen Orten.
Von seinem Unmut gegenüber Ackermann erfahren nur seine Familie und enge Kollegen. Der schwelende Konflikt zwischen Pierre Wauthier und Josef Ackermann eskaliert im Sommer 2013. Vor der Veröffentlichung des Halbjahresberichts gibt es eine interne Debatte, wie man die Investoren über die Geschäftsentwicklung informieren solle. Der Streit dreht sich um wenige Worte. Ein Machtkampf um eine Petitesse, der aber den grundsätzlichen Zwist zwischen den Kontrahenten verdeutlicht.
Nach außen ist nichts zu merken: Finanzchef Wauthier und sein Chef Martin Senn präsentieren kurz darauf routiniert die Halbjahreszahlen. Elf Tage später ist Pierre Wauthier tot. Wurde tatsächlich, so der offiziell geprüfte Vorwurf, „ungebührlicher Druck" ausgeübt? Das Ergebnis der Schweizer Finanzaufsicht besagt: nein. Aber wie stand es wirklich um das Betriebsklima bei Wauthiers Arbeitgeber, der Zurich Versicherung?
Wauthiers Tod ist individuell und tragisch, sollte jedoch nicht der einzige Suizid im Umfeld der Zurich Versicherung bleiben: Im Mai dieses Jahres erschoss sich Pierre Wauthiers ehemaliger Chef Martin Senn. Unter welchem Druck stehen Manager in Finanzunternehmen? Die Dokumentation gibt einen sehr persönlichen Einblick in das Leben am Limit.

* ARD-Themenwoche 2016: "Zukunft der Arbeit"

"Zukunft der Arbeit" ist der Titel der ARD-Themenwoche 2016, die in diesem Jahr vom Hessischen Rundfunks (hr), vom Saarländischen Rundfunk (SR) und von Radio Bremen verantwortet wird. Eine Woche lang, vom Sonntag, 30. Oktober, bis Samstag, 5. November, beleuchten Sendungen im Ersten, in allen dritten Programmen und in den Partnerprogrammen der ARD, im Radio und im Internet die unterschiedlichen Facetten der digitalen Arbeitswelt und wie sich die Menschen heute und morgen über ihre berufliche Tätigkeit definieren.
Wer sind die Gewinner und Verlierer?
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen. Digitalisierung und Globalisierung schreiten unaufhaltsam voran. Die klassische Erwerbsarbeit des Industriezeitalters verliert an Bedeutung. "Industrie 4.0", "Sharing-Ökonomie" oder "Cloud-Working" heißen die Schlagworte. Das "Internet der Dinge" wird schon bald Produkte aus dem 3D-Drucker möglich machen, individueller und billiger als heute. Software wird Sachbearbeiter in den Büros ersetzen, Automaten werden sich selbst optimieren. Neue Plattformen und Netzwerke machen bereits jetzt jeden Autobesitzer potentiell zum Billig-Taxi-Anbieter und jeden Wohnungsbesitzer zum Vermieter von Gästezimmern. Aber wer sind bei all diesen Veränderungen eigentlich Gewinner und Verlierer?
Der Stellenwert von Arbeit
Und wie verändern sich der gesellschaftliche und der persönliche Stellenwert von Arbeit? Arbeit wird mit Geld entlohnt. Doch entspricht der Lohn auch der Leistung? Das monatliche Einkommen eines Bankers ist weit höher als das einer Altenpflegerin, ein Immobilienmakler verdient mehr als ein Konditor, eine Hausfrau bekommt gar keinen Lohn. Andere wiederum vermehren ihr Vermögen, ohne dafür zu arbeiten. Immer häufiger wird gefragt: Ist das gerecht? Wer und was bestimmen eigentlich heute und in Zukunft den Wert der Arbeit in unserer Gesellschaft?
Die ARD-Themenwoche 2016 beschreibt die "Zukunft der Arbeit" nicht als technologische Vision, sondern stets mit dem Blick auf den Wert der eigenen Arbeit: Welchen Stellenwert hat meine Arbeit? Was passiert mit meinem Arbeitsplatz? Wie verdiene ich morgen mein Geld? Was müssen unsere Kinder heute lernen, um in der zukünftigen Arbeitswelt zu bestehen? Wer sorgt dafür, dass unsere Arbeitsgesellschaft nicht auseinanderfällt?
Diesen Fragen gehen die Programme der ARD eine Woche lang aus unterschiedlichen Blickwinkeln nach - in Spielfilmen und Fernseh-Dokumentationen, in aktuellen Radioprogrammen und in Ratgeber-Sendungen und mit einem umfangreichen Dossier im Netz.

Textquelle: Presseportal

Die Sendung wird ausgestrahlt am Donnerstag, den 03.11.2016 um 23:15 Uhr auf HR.