Deutschland pendelt: 17 Millionen Menschen müssen täglich oder wöchentlich lange Wege überwinden, um zu ihrer Arbeit zu kommen. Pendlerland Nummer eins ist Sachsen-Anhalt. Hier sind es vor allem "Auspendler", Menschen also, die in einem anderen Bundesland Arbeit suchen. Die meisten, nämlich 42.000 Sachsen-Anhalter, fahren täglich nach Niedersachsen zur Arbeit. So wie Volker Barth aus dem Landkreis Salzwedel. Täglich pendelt er nach Wolfsburg zu VW. "Die Mieten sind viel zu hoch in Wolfsburg, da war uns der Umzug einfach zu teuer." Die Grundstückspreise in Wolfsburg sind fünf Mal höher als im Altmarkkreis Salzwedel. Seine Frau Bettina hat das Pendeln für den Nachwuchs aufgegeben. "Pendeln und Familie mit Kleinkind, das lässt sich einfach nicht vereinen!", sagt sie.
"Frauen haben es weitaus schwerer als Männer beim Pendeln und übernehmen letztlich ihre 'traditionelle' Rolle als Hausfrau", erklärt die Berliner Soziologin Antje Ducki. Nicht wenige Beziehungen scheitern am Pendeln. 16 Prozent der Pendlerpaare lassen sich in den ersten fünf Jahren ihrer Ehe scheiden. Pendeln macht krank, betont auch der Pendler-Experte und Arzt Steffen Häfner. Kopfschmerzen und Gewichtsprobleme seien nur zwei Folgen. Hinzu komme ein Stressniveau vergleichbar mit dem von Fallschirmspringern oder Kampfjetpiloten.
Doch die Arbeitswelt kann reagieren, erklärt Steffen Häfner. Im Vogtland-Klinikum Bad Elster, wo er Chefarzt ist, finden zum Beispiel wichtige Sitzungen nicht am frühen Morgen statt. "Und wer von Zuhause aus arbeiten kann, sollte das ein-, zweimal die Woche tun!" Doch mit Homeoffice sieht es schlecht aus in Deutschland. Nur zwölf Prozent aller abhängig Beschäftigten arbeiten überwiegend oder gelegentlich von zu Hause aus. In Schweden sind es 20 Prozent, in den Niederlanden gibt es sogar einen Rechtsanspruch auf Homeoffice.
Was kann die Politik tun, um das Pendeln attraktiver zu gestalten? Schließlich betont Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Thomas Webel: "Wir müssen die steigende Mobilität fördern!" Ein Beispiel wären Pendlerparkplätze. Kostenfreie Parkplätze also, auf denen sich Pendler treffen, einige Autos stehen lassen und gemeinsam zur Arbeit fahren. Das Problem: Die gibt es in Sachsen-Anhalt nicht, im Gegensatz zu Sachsen oder Thüringen.
Bernhard Sabel sind solche Überlegungen egal. Der Fern- und "Luxus"-Pendler fährt täglich mit dem Zug von Berlin nach Magdeburg und hat sich längst mit dem Pendeln arrangiert: "Ich pendle, um zu entspannen und das soll bis zur Rente so bleiben." Sein Rezept: Die Pendlerzeit sinnvoll nutzen mit Arbeit und Sport.
"Exakt - Die Story" fragt nach, was das Pendeln leichter macht. Autorin Lisa Kettwig macht den Selbsttest: Wie stressig ist Pendeln für den Körper? Und sie hinterfragt das Pendeln grundsätzlich als Überlebensfrage oder Ausdruck freier Entscheidung.
"Exakt - Die Story"
* ARD-Themenwoche 2016: "Zukunft der Arbeit"
"Zukunft der Arbeit" ist der Titel der ARD-Themenwoche 2016, die in diesem Jahr vom Hessischen Rundfunks (hr), vom Saarländischen Rundfunk (SR) und von Radio Bremen verantwortet wird. Eine Woche lang, vom Sonntag, 30. Oktober, bis Samstag, 5. November, beleuchten Sendungen im Ersten, in allen dritten Programmen und in den Partnerprogrammen der ARD, im Radio und im Internet die unterschiedlichen Facetten der digitalen Arbeitswelt und wie sich die Menschen heute und morgen über ihre berufliche Tätigkeit definieren.
Wer sind die Gewinner und Verlierer?
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen. Digitalisierung und Globalisierung schreiten unaufhaltsam voran. Die klassische Erwerbsarbeit des Industriezeitalters verliert an Bedeutung. "Industrie 4.0", "Sharing-Ökonomie" oder "Cloud-Working" heißen die Schlagworte. Das "Internet der Dinge" wird schon bald Produkte aus dem 3D-Drucker möglich machen, individueller und billiger als heute. Software wird Sachbearbeiter in den Büros ersetzen, Automaten werden sich selbst optimieren. Neue Plattformen und Netzwerke machen bereits jetzt jeden Autobesitzer potentiell zum Billig-Taxi-Anbieter und jeden Wohnungsbesitzer zum Vermieter von Gästezimmern. Aber wer sind bei all diesen Veränderungen eigentlich Gewinner und Verlierer?
Der Stellenwert von Arbeit
Und wie verändern sich der gesellschaftliche und der persönliche Stellenwert von Arbeit? Arbeit wird mit Geld entlohnt. Doch entspricht der Lohn auch der Leistung? Das monatliche Einkommen eines Bankers ist weit höher als das einer Altenpflegerin, ein Immobilienmakler verdient mehr als ein Konditor, eine Hausfrau bekommt gar keinen Lohn. Andere wiederum vermehren ihr Vermögen, ohne dafür zu arbeiten. Immer häufiger wird gefragt: Ist das gerecht? Wer und was bestimmen eigentlich heute und in Zukunft den Wert der Arbeit in unserer Gesellschaft?
Die ARD-Themenwoche 2016 beschreibt die "Zukunft der Arbeit" nicht als technologische Vision, sondern stets mit dem Blick auf den Wert der eigenen Arbeit: Welchen Stellenwert hat meine Arbeit? Was passiert mit meinem Arbeitsplatz? Wie verdiene ich morgen mein Geld? Was müssen unsere Kinder heute lernen, um in der zukünftigen Arbeitswelt zu bestehen? Wer sorgt dafür, dass unsere Arbeitsgesellschaft nicht auseinanderfällt?
Diesen Fragen gehen die Programme der ARD eine Woche lang aus unterschiedlichen Blickwinkeln nach - in Spielfilmen und Fernseh-Dokumentationen, in aktuellen Radioprogrammen und in Ratgeber-Sendungen und mit einem umfangreichen Dossier im Netz.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Mittwoch, den 02.11.2016 um 20:45 Uhr auf MDR.