Sie stehen für strahlende Sonne, warme Meere und tropische Farbenpracht: Korallen. Über Jahrzehnte glaubten Wissenschaftler, Korallenriffe könnten sich nur im Flachwasser mit viel Sonne bilden. Die Entdeckung kilometerlanger Riffe in kalten Tiefseegewässern revolutionierte die Meeresforschung und stellt Meeresbiologen vor viele Fragen. Korallen in 700 Meter Tiefe dürfte es eigentlich gar nicht geben. Wie können Kaltwasser-Korallen zum Beispiel ohne Licht überleben? Und wie werden sie so alt? Manche Korallenstöcke leben seit 4.000 Jahren.
Lange wussten nur einige Fischer und Wissenschaftler um die Existenz dieser Kaltwasser-Riffe in den unwirtlichen, lichtlosen Tiefen der Ozeane, doch ohne aufwändige Technik waren die entlegenen Metropolen am Meeresgrund unerreichbar. Bis in Tiefen von 3.000 Metern kommen einige Kaltwasserkorallen vor. Anders als ihre tropischen Verwandten wachsen sie langsam - nur 2,5 cm statt ca. 15 cm pro Jahr. Und während an tropischen Riffen etwa 800 Korallenarten bauen, sind es in den düsteren Tiefen nur 10. Erst die moderne Meeresforschung hat diese artenreichen Lebensgemeinschaften in den Fokus genommen. Was noch vor wenigen Jahrzehnten als skurrile Seltenheit erschien, gilt heute als weltweit verbreiteter Bestandteil des marinen Ökosystems - und ist doch der Öffentlichkeit nahezu unbekannt.
Vom Nordkap bis nach Afrika erstrecken sich Kaltwasser-Korallenriffe, insgesamt über 4.500 Kilometer lang. Damit ist dieser Riffkomplex mehr als doppelt so groß wie das australische Great Barrier Reef. Unser Filmteam ist abgetaucht ins Reich der Kaltwasser-Korallen und hat eine faszinierend-schöne Märchenwelt entdeckt.
Ausgangspunkt der Reise ist das bis zu 300 Meter tief gelegene imposante Rost-Riff südlich der Lofoten. Vor der norwegischen Nordatlantikküste haben am Ende der letzten Eiszeit Gletscher und Eisberge den Meeresboden bearbeitet. Auf den freigelegten Felsen konnten sich die ersten Lophelia-Kaltwasserkorallen, als Plankton mit dem Golfstrom angereist, festsetzen. Heute siedeln sie hier gemeinsam mit anderen Tiefseekorallen sowie verschiedensten Lebensformen und bilden eine Gesellschaft, die tropischen Riffgemeinschaften an Schönheit kaum nachsteht. Schlangensterne, Seespinnen, Chimären - am Tiefseeriff trifft sich vor den Objektiven der Kameraroboter das Who-is-who des Nordmeeres.
Im Trondheim-Fjord, der zweiten Station, liegt das Tautra-Riff, eines der ganz wenigen Kaltwasser-Riffe, die für Taucher erreichbar sind. In etwa 50 Meter Tiefe lauern zwischen Korallen und Schwämmen Seewölfe auf Beute, paaren sich Katzenhaie und filtrieren Seescheiden und Röhrenwürmer das planktonreiche Wasser.
Auch vor der amerikanischen Ostküste haben sich tief unter dem Golfstrom Kaltwasserkorallen angesiedelt. Ihre Riffe beherbergen mehr als 1.000 verschiedene Tierarten. Der Abstieg im Tauchboot vorbei an Haien, Schildkröten und Muränen ist bei der starken Strömung ein Abenteuer für sich.
An Bord von bestausgestatteten Forschungsschiffen befährt das Filmteam Atlantik und Mittelmeer. Es begleitet Spitzenwissenschaftler bei ihren Forschungen über und unter Wasser und filmt dabei Meereswesen, die so zuvor noch nie gezeigt worden sind. Dabei kommen spezielle Kamerasysteme wie Campods oder Infrarot-Kameras zum Einsatz, um besonderes Verhalten verschiedener Riffbewohner einzufangen - von Tauchbooten aus, mit ROVs oder, wo möglich, mit Tauchern direkt vor Ort. Auf den langen Wegen zu den Tiefsee-Korallen kreuzen Eishaie, Orkas und Heringsschwärme den Weg und überraschen Muränen, Mantas und Medusenhäupter die Taucher - eine fast unbekannte Zauberwelt, die durch Grundschleppnetze und zunehmende Versauerung der Ozeane immer stärker bedroht ist.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Dienstag, den 24.05.2016 um 20:15 Uhr auf WDR.