Er war ein Tyrann. Und ein Visionär. Er schuf das gewaltigste Reich der Antike und opferte dafür Hunderttausende seiner Untertanen: Quin Shi Huangdi, "Erster Erhabener Kaiser von Quin", der Mann, der China seinen Namen gab. Er war der Architekt der ersten Großen Mauer, die sein Reich abschottete, und der Erbauer einer der gewaltigsten Grabanlagen der Welt. Sie wird bewacht durch 7.000 lebensgroße Tonkrieger, die legendäre "Terracotta-Armee".
700.000 Arbeitssklaven errichten das Grab des Ersten Kaisers. Gegen Staub, Hitze und Entkräftung kämpfen sie ums Überleben. Dennoch sollte die Vollendung des Bauwerks 30 Jahre dauern.
Zum Ruhm seiner siegreichen Heere befiehlt Kaiser Quin den Bau der Terrakotta-Armee. Sie soll den Eingang zur Grabkammer "bewachen". Als Symbol der Einheit sollen sich in ihren Gesichtern auch alle Bevölkerungsgruppen des neuen Imperiums widerspiegeln. Die besten Künstler des Reiches arbeiten in den Werkstätten. Einige formen Hände, andere Haare, wieder andere Rangabzeichen. Dank der genialen Arbeitsorganisation erreicht die Produktion der Figuren riesige Stückzahlen.Nach der "Endmontage" erhalten die Krieger sogar noch eine lebensechte Bemalung. Es entsteht eine gewaltige Armee aus Ton, mit Streitwagen und Schlachtrössern, Fußvolk, Offizieren, Bogenschützen - lebensgroß. Experten schätzen ihre Zahl auf über 7000. Jede Figur ist einzigartig. Kein Gesicht gleicht dem anderen.
Von den künstlerischen Bemalungen ist 2000 Jahre später auf den ersten Blick nicht mehr viel zu sehen. Denn die gewaltige Streitmacht aus Ton und Lack reagiert sensibel auf Tageslicht. Die Farbe platzt ab. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege bot den chinesischen Kollegen Unterstützung an.
207 vor Christus, nur drei Jahre nach dem Tod des Ersten Kaisers, legen Rebellen das Imperium in Schutt und Asche. Selbst vor den Grabanlagen des einstigen Herrschers machen sie nicht Halt: In blinder Wut vernichten sie die Symbole der Knechtschaft, unter der sie Jahrzehnte lang gelitten haben. Mehr als 2000 Jahre lang bleiben die Trümmer unter der Erde verborgen, bis Bauern 1974 beim Ausschachten eines Brunnens einige Bruchstücke ans Tageslicht bringen. Aus dem Zufallsfund wird eine archäologische Weltsensation. Die Zerstörungswut ihrer Vorfahren stellt die Restauratoren heute vor eine nahezu unlösbare Aufgabe.
Die Gruben der Terrakotta-Armee liegen etwa 1,5 Kilometer östlich des Kaisergrabes. Das Areal umfasst ein Gebiet von 2,5 Quadratkilometern, auf dem mehr als 140 Gruben vermutet werden. Im inneren Bezirk standen einst riesige Paläste und das Mausoleum. Bis heute ist niemand je ins Innerste des kaiserlichen Totenreichs eingedrungen. Ein chinesisches Forschungsteam machte bei Grabungen einen grausigen Fund. In einer Grube entdeckte es keine Scherben, sondern Menschenknochen von mehr als hundert Toten.
Bei weiteren Grabungen stießen die Archäologen auf eine Kammer, die ihnen schlichtweg den Atem verschlug. Sie legten einen Korridor frei, der eine komplette Flusslandschaft enthält. Kraniche, Schwäne und Gänse säumen einen künstlichen Bachlauf. Die lebensgroßen Plastiken aus Bronze sind perfekte Kopien der lebenden Vorbilder. Das Jenseits als Spiegelbild des Diesseits: Kein anderer Herrscher hat diese traditionelle chinesische Vorstellung mit ähnlicher Akribie umgesetzt wie Quin Shi Huangdi.
Ein Film von Steven R. Talley
Die Sendung wird ausgestrahlt am Donnerstag, den 28.04.2016 um 00:45 Uhr auf Phoenix.