In einer Gesellschaft, die das heile Vater-Mutter-Kind-Modell propagierte und vom Krieg nichts mehr wissen wollte, war das besonders schwierig. Viele bezweifelten, dass die Mütter in der Lage sein würden, ihre Kinder alleine richtig zu erziehen. Oft standen die vaterlosen Kinder deshalb unter besonderer Beobachtung von Pädagogen und Politikern - sie wollten "Verwahrlosung" und "Sittenverfall" zuvorkommen. In Wirklichkeit übernahmen die Kinder ohne Väter früh Verantwortung, halfen ihren Müttern, den schwierigen Nachkriegsalltag materiell und psychisch zu bewältigen. Sie lernten fleißig und strengten sich besonders an, den sozialen Status zu erreichen, den die Familie vor dem Krieg innehatte. Dennoch vermissten sie den Vater sehr und wollten nicht wahrhaben, dass er nicht mehr wiederkommen würde. Jahrelang warteten sie auf dessen Rückkehr - manche können sich bis heute nicht mit dem Verlust abfinden.
Einer von ihnen ist der Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich. Er hat in einem Buch über seine Erfahrungen als vaterloses Kriegskind geschrieben. Darin erzählt er, wie er mit seiner Mutter bereits kurz nach Kriegsende begann, mithilfe von Suchdiensten nach dem Vater zu suchen - vergebens. Dennoch lässt ihn die Nachforschung über das Schicksal seines Vaters bis heute nicht los. Immer noch hofft er, in den Archivaufnahmen historischer Fernsehdokumentationen seinen Vater zu entdecken. "Ich gebe nicht auf, den Ort zu finden, um trauern zu können um einen Mann, den ich nicht kenne und der mein Vater war."
Wie selbstlos vaterlose Kinder ihre Familie unterstützen, erzählt die Geschichte von Erich Hauke aus Ulm. Weil seine Mutter überfordert ist, die vielen Kinder durchzubringen, verlässt er freiwillig seine Familie und geht auf einen Bauernhof, um als Zehnjähriger dort für den Lebensunterhalt seiner Geschwister zu arbeiten. "Ich hatte ja eine Vision: Wenn ich ein bisschen älter bin und mich besser auskenne auf der Landwirtschaft, dass ich dann immer mehr arbeiten kann und dann auch ein bisschen mehr zu essen bekomme für meine Geschwister." Der Bauer wird ihm zum Vaterersatz, dennoch hofft er lange Jahre vergebens, dass er ihn "Papa" nennen darf.
Als Birgitta Dobke aus Velbert sieben Jahre alt ist, hat sie sich fast schon damit abgefunden, dass sie ohne Vater aufwächst. "Meine Mutter musste schon gucken, dass sie das organisiert hat, dass sie das plante, dass sie vorkochte, dass ich mein Essen selber warm machte, mit sieben Jahren, ... es ist alles gut gegangen, aber ich denke, ihr hat das Sorgen gemacht." Sie leidet darunter, dass ihre Mutter aus Trauer um den fehlenden Vater nicht mehr fröhlich sein kann. "Ich habe dann irgendwann gedacht, meine Güte, irgendwas muss doch mal passieren, damit sie immer fröhlich durch dieses Leben geht, oder fröhlicher, so. Dann wollte ich eine Anzeige aufgeben und einen Vater suchen. ... Weil ich auch manchmal dann merkte, so gerade an Feiertagen, Weihnachten vor allen Dingen, dass sie dann sagte: 'Alle haben jetzt einen Vater, sind diese Familien zusammen. Und wir beide sind alleine.'"
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 08.05.2016 um 11:15 Uhr auf SR.