In unruhigen politischen Zeiten besinnen sich die Menschen auf das, was ihnen wirklich wichtig ist. Nicht zufällig wird in diesen Monaten, da Hundertausende von Flüchtlingen als potenzielle Neu-Bürger nach Deutschland kommen, wieder neu die Frage nach unserer Leit-Kultur gestellt. Was zeichnet unsere deutsche Gesellschaft aus? Welche Werte prägen unsere europäisch-abendländische Kultur?
Aber auch abseits dieser großen Wertfragen erleben viele Menschen dieses Land als zutiefst gespalten, als von Ungleichheit geprägt: Die weiterhin zunehmende ungleiche Einkommensverteilung, die große Schere zwischen Arm und Reich, der unterschiedliche Zugang zu Bildung - und nicht zuletzt gibt es auch immer noch große Unterschiede zwischen Ost und West. Angesichts dieser Situation in Deutschland könnte man von einer gespaltenen Gesellschaft sprechen. Doch sind all die unterschiedlichen Gruppen der Bevölkerung im tiefsten Inneren dann doch nahe beieinander, wenn es um die grundsätzlichen Werte und Normen geht, stellt Jutta Allmendinger fest, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Sie hat unlängst zusammen mit dem infas-Institut im Auftrag der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine repräsentative Studie durchgeführt über die Werte und Normen der Deutschen.
Die Befragten wurden nicht nur danach gefragt, was ihnen wichtig ist, sondern auch, wie sie sich ihr Leben wünschen und was sie gern an die nächsten Generationen weitergäben. Diese „Vermächtnis“ genannte Studie hat einige überraschende Ergebnisse parat: Besitz ist den Bundesbürgern eher unwichtig, ihre Arbeit aber lieben sie. Sie haben mehr Angst vor Ausländerhass als vor Überfremdung. Mehr als Krieg, Klimakatastrophe, Kriminalität und Armut fürchten die Deutschen, kein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Was Veränderungen angeht, sind die Deutschen dem offener eingestellt, als angenommen wird. Auch der Glaube ist den Befragten ein wichtiger Wert. Ein Drittel hält seine Religion für wichtig. Nur etwa zehn Prozent der Menschen im Lande gehen aber davon aus, dass es in Zukunft so bleiben wird. Und egal ob reich oder arm, jung oder alt: Die Deutschen teilen erstaunlich viele Werte miteinander. Wie passt das mit der unterschiedlichen Lebenssituation der Menschen zusammen? Und wie lange kann der Kitt aus Werten zusammenhalten, wenn die Gesellschaft sich weiter spaltet?
„Horizonte“ hat Menschen in Hessen gefragt, was für sie in ihrem Leben zählt, und hat sie gebeten, von dem zu erzählen, was ihnen wertvoll und wichtig ist. Meinhard Schmidt-Degenhard spricht im Studio mit der Soziologin Jutta Allmendinger über diese „hessischen Befunde“ und darüber, welche Werte den Menschen in Deutschland heute heilig sind, wie sie in die Zukunft schauen und welche Konsequenzen daraus folgen
Aus der Reihe "Horizonte"
Die Sendung wird ausgestrahlt am Samstag, den 30.04.2016 um 17:30 Uhr auf HR.