In ihrem Film "Stories We Tell" folgt die kanadische Drehbuchautorin, Regisseurin und Schauspielerin Sarah Polley der Erkenntnis, dass die Wahrheit wesentlich von der Perspektive des Erzählers abhängt. Und so kombiniert sie alte Originalaufnahmen mit nachgespielten Szenen, Archivmaterial und Fotografien mit neuen Interviews zu einem Hybrid zwischen Dokumentar- und Essayfilm. Dabei versucht die Filmemacherin, den Geheimnissen ihrer Familie und ihrer Herkunft auf die Spur zu kommen und das Leben ihrer früh gestorbenen Mutter nachzuzeichnen. Sie führt Interviews mit Angehörigen und Freunden und erhält Antworten, die mal mehr, mal weniger zuverlässig und oft widersprüchlich sind. Die Version ihrer Familiengeschichte, die so entsteht, ist dezidiert persönlich, voller Gegensätze, mitunter nostalgisch, aber nie vereinfachend.
"Stories We Tell" ist ein charmantes und liebevolles Familienporträt, eine filmische Studie über die Subjektivität von Erinnerungen, gleichzeitig auch ein Essay darüber, wie Erzählungen uns und unsere Familie formen.
Sarah Polleys dokumentarischer Essay "Stories We Tell" ist eine Liebeserklärung an die eigenen Eltern - die biologischen wie die sozialen Mütter und Väter, die unser Leben prägen - und eine filmische Spurensuche der gefeierten Filmemacherin, die ihrer eigenen Geschichte nachspürt und sie dabei zum Teil auch neu inszeniert. In den zahlreichen Interviews mit ihren Angehörigen betont Polley von Anfang an das Inszenierungsmoment jeglicher Dokumentarfilme und legt die Mittel der Gattung offen, etwa indem sie das Tonstudio zeigt, in der die Voice-Over eingesprochen wird, die man im Film hört oder wenn sie zeigt, wie ihre Gesprächspartner für die Interviews ausgeleuchtet und verkabelt werden.
Nicht alles, was der Film zeigt, ist im strengen Sinne dokumentarisch, einiges ist tatsächlich nachinszeniert und wird wie vermeintlich dokumentarisches Material eingesetzt. So wird "Stories We Tell" zugleich zur Reflektion des Mediums und betont Subjektivität und nostalgische Verklärung des Erinnerungsprozesses.
"Stories We Tell" wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der "Writers Guild Award" 2014 sowie die Auszeichnungen als bester Dokumentarfilm 2013 durch zahlreiche Institutionen wie des "New York Film Critic Cycle", der "L.A. Critics", des "National Board of Reviews" und der "Directors Guild of Canada".
"'Stories We Tell' ist die Sorte Film, die man sich mehrmals ansehen will. Er wirkt zunächst wie ein gewöhnlicher Dokumentarfilm, doch die Regeln und die Reinheit des 'Dokumentarischen' sind am Ende vergessen. 'Stories We Tell' ist in jeder Beziehung ein 'Story'-Film, ein Erzählfilm, und zwar ein ziemlich grandioser." (David Thomson, The Guardian)
Die Sendung wird ausgestrahlt am Montag, den 18.04.2016 um 23:20 Uhr auf WDR.