Nadrensee, Mecklenburg-Vorpommern, nahe der deutsch-polnischen Grenze: Am 29. Juni 1992 entdeckte ein Bauer zwei leblose Körper in einem Getreidefeld. Während er in den Ort zurückfuhr, um Hilfe zu holen, begann das Feld zu brennen. Die Brandursache blieb ungeklärt. Ermittlungen ergaben, dass es sich bei den Toten um rumänische Staatsbürger handelte. Sie wurden bei dem Versuch, die Grenze zu überschreiten, von Jägern erschossen.
Die Jäger gaben an, die Menschen mit Wildschweinen verwechselt zu haben. Vier Jahre später begann der Prozess. Welcher der Jäger den tödlichen Schuss abgegeben hatte, ließ sich nie beweisen. Das Urteil: Freispruch. Die Deutsche Presse-Agentur meldete: "Aus Rumänien war niemand zu dem Prozess angereist." In den Akten stehen die Namen und Adressen von Grigore Velcu und Eudache Calderar. Aber ihre Familien wurden nie über den Prozess informiert.
19 Jahre später recherchierte der Filmemacher Philip Scheffner die Umstände, die 1992 zum Tod der beiden Männer führten. Er besuchte die Familien und Freunde der Getöteten und hörte ihnen, von denen niemand je etwas wissen wollte, zu. Er sprach mit Beamten, Ermittlern, Pathologen, Journalisten, Rechts-und Staatsanwälten und anderen an diesem Fall beteiligten Personen. Die bei der Recherche aufgenommenen Aussagen wurden ihnen bei den folgenden Dreharbeiten noch einmal vorgespielt und konnten bestätigt, kommentiert oder revidiert werden. Widersprüche und Fragen blieben offen.
Mit zunehmend beklemmender Dichte webt Scheffner in seinem Dokumentarfilm ein Netz aus Erinnerung und Zeugenaussagen, Akten und Ermittlungen. Am Ende steht eine erschreckend aktuelle Zustandsbeschreibung der "Festung Europa".
Philip Scheffner, geboren 1966, lebt und arbeitet als Filmemacher, Video- und Soundkünstler seit 1986 in Berlin. Zusammen mit Merle Kröger, der Koautorin und Produzentin von "Revision", betreibt er die Produktionsplattform Pong. "Revision" hatte seine Premiere im Forum junger Film der Berlinale 2012. Der Dokumentarfilm war nominiert für den Preis der deutschen Filmkritik 2012 und in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis Lola 2013. Beim goEast - Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden 2012 ging der Dokumentarfilmpreis der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) an "Revision". Im Rahmen des Münchner Filmfests 2012 erhielt Regisseur Philip Scheffner für "Revision" den ersten Fritz-Gerlich-Preis. Mit diesem Preis wird ein Filmschaffender ausgezeichnet, der sich mit seinem Werk wie der von den Nationalsozialisten ermordete Münchner Publizist Fritz Gerlich "entschlossen und unbeirrbar für die Menschenwürde einsetzt und damit konsequent gegen Verfolgung, Ausgrenzung und Erniedrigung eintritt."
Parallel zur Filmrecherche für "Revision" entstand die Idee, eine Geschichte zu schreiben, in der sich dokumentarische Fäden von damals fiktiv ins Heute spinnen. Das hat die Produzentin von "Revision" und Schriftstellerin Merle Kröger in ihrem Kriminalroman "Grenzfall" getan. Das Buch stand im November 2012 auf Platz eins der Krimi-Bestenliste der "Zeit" ("Merle Kröger verbindet die Realität des Verbrechens mit der enormen Wahrhaftigkeit der Erzählung zu einem so radikalen wie reifen Genreroman, der zu einer fulminanten Kritik der Verhältnisse anhebt. Ein veritables Meisterstück." - "Die Zeit") und erhielt ebenfalls mehrere Auszeichnungen, darunter den Deutschen Krimi Preis 2013.
Regie: Philip Scheffner\nProduzent: ZDF\n
Die Sendung wird ausgestrahlt am Dienstag, den 15.03.2016 um 00:05 Uhr auf arte.