"Eine Schule für alle!", war eine häufige Schlagzeile im März 2009, nachdem auch in Deutschland die UN-Konvention in Kraft trat, wonach behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen unterrichtet werden sollen. Wie aber sieht es sechs Jahre später in der Realität aus?
Julia aus Lommatzsch ist am sächsischen Schulsystem verzweifelt. Die 16-Jährige ist immer eine leistungsstarke Schülerin gewesen, vor allem Fächer wie Mathematik und Physik liegen ihr. Seit November 2012 aber ist sie nicht mehr in der Lage die Schule zu besuchen. Das Mädchen hat Asperger-Syndrom (eine Form von Autismus) und wurde deshalb gemobbt. Nicht nur von ihren Klassenkameraden sondern auch, wie ihr Vater Günther Mehlig sagt: "Von den Behörden in Sachsen. Es ist unglaublich, was wir als Familie durchleiden mussten. Wir wurden sogar vor das Familiengericht gezerrt." Julia erhält seit Oktober 2014 endlich wieder Unterricht per Internet. Jetzt lernt sie allein zu Hause und ist hochmotiviert.
Die Unterzeichnung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung hat dazu geführt, dass in Deutschland eine heftige Diskussion über das gegliederte Schulsystem entbrannt ist. Inklusionsbefürworter verweisen auf Studien, die belegen, dass behinderte Kinder mehr lernen, wenn sie gemeinsam mit nicht-behinderten Kindern unterrichtet werden.
Das bestätigt auch Tania Häse. Ihre Tochter Hermine besucht derzeit die 3. Klasse einer Dresdner Grundschule. Die sächsische Bildungsagentur aber will sie auf einer Förderschule sehen. Hermine hat schließlich Down-Syndrom. Trotzdem ist für ihre Mutter die Regelschule ein Muss: "Hermine ist glücklich in der Schule mit ihren Klassenkameraden. Sie lernt jeden Tag mehr und mehr. In der Förderschule würde sie zwar gefördert werden, aber gefordert? Das bezweifle ich." Tania Häse will auch für die nächsten Jahre kämpfen. Jetzt ist Hermine noch in der Grundschule, doch schafft sie es auch auf die Regelschule?
Bernd Ahrbeck lehrt Rehabilitationswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Er sagt deutlich: "Das Gleiche ist nicht für alle gut. Der Slogan der Befürworter: 'Vielfalt bereichert' ist leider furchtbar naiv, weil dabei nicht mehr zwischen Erwünschtem und Unerwünschten unterschieden wird." Ahrbeck hinterfragt dabei, wie sich Kinder im Klassenverbund fühlen, wenn sie nirgendwo mithalten können, wenn sie ausgegrenzt werden. "Wie soll gemeinsames Lernen funktionieren, wenn ein Kind in der achten Klasse noch nicht einmal die Grundrechenarten beherrscht?"
"Ich kann nicht jedes Kind aufnehmen", sagt Elke Richter vom Humboldtgymnasium in Radeberg. Sie ist eine der Schulleiterinnen in Sachsen, die sich das Thema Inklusion schon seit Jahren auf die Fahne geschrieben haben. Sie hat an ihrer Schule 40 Schüler mit Behinderungen. "Von Körperbehinderung, Autismus, ADHS, ich hab alles", sagt die engagierte Schulleiterin. "Alles, was auch wirklich die Gymnasialreife schaffen kann. Von der Leistung her jedenfalls. Um das Wie müssen wir Lehrer uns kümmern. Aber es gibt Grenzen, was machbar ist - von unseren Abiturienten wird schließlich mehr als das Einmaleins verlangt."
Inklusion - fest scheint nur eins zu stehen: Mit der Unterzeichnung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung allein ist es nicht getan. Wir fragen nach den Möglichkeiten und den Grenzen und nach der Finanzierung. Denn dass in die Aus- und Fortbildung der Lehrer und in die Infrastruktur der Schulen investiert werden muss, ist unumstritten.
Film von Adina Rieckmann
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 13.03.2016 um 08:00 Uhr auf MDR.