Der Goitzscher Auenwald ist früher eine wirkliche Schönheit gewesen, erinnert sich Dieter Schulze. Einhundert Jahre alte Hainbuchen standen hier. Als die Bagger kamen, ging es mit dem Idyll und seinem Heimatdorf Döbern bald zu Ende. In den 1970er-Jahren war um den Ort herum bereits alles abgebaggert, das Dorf eine Insel. Der Tagebau verwandelte die Gegend in eine Kraterlandschaft, ganze Dörfer verschwanden: Niemegk, Paupitsch und eben Döbern. Was Dieter Schulze und all die anderen Bewohner nicht wissen sollten: die Grube barg mehr als schmutzige Kohle, sie barg auch milchig gelben Rohbernstein.
Beim Graben war man wohl eher zufällig auf die Lagerstätte gestoßen, offenbar die größte Deutschlands, wie sich später herausstellte. Und weil der Bernsteinimport aus Kaliningrad gerade drastisch sank, wurde Bitterfeld zum höchst geheimen Ersatzlieferanten für den "VEB Ostseeschmuck" in Ribnitz-Damgarten. Was als original Ostseeschmuck für gute Devisen in den Westen ging, wurde in Bitterfeld abgebaut. Anfangs noch mit Hacke und Spaten, später mit maschineller Hilfe. Mehr als 400 Tonnen Bernstein - bis die Wende kam und das Interesse am Bitterfelder Bernstein sank.
Tom Bernau ist am Wasser zuhause. Von Beruf Binnenfischer bewirtschaftet er den Muldestausee, den Ferropolissee und eben auch den großen Goitzschesee. Er war Zeuge als das Wasser mit bis zu 1.000 Kubikmeter pro Sekunde in das alte Tagebauloch schoss - allerdings ungeplant und vier Jahre bevor die offizielle Flutung beginnen sollte. Heftige Regenfälle und gebrochene Dämme waren für die vorzeitige Flutung verantwortlich, die alles in die Tiefe riss. Tom Bernau erinnert sich noch genau an die Tage als Bitterfeld knapp einer Katastrophe entkam.
Jetzt werden hier in der größten Kormorankolonie Sachsen-Anhalts die Jungtiere gerade flügge, eine Rohrdommel gluckst im Schilf, ein Seeadler kreist über der Goitzsche, Biber nagen sich durchs Gehölz. Ein Kleinod, das erst entstanden ist, als der Mensch nichts mehr tat. Nichts, außer dafür zu sorgen, dass sich die Natur wieder ungestört entfalten durfte. So wie damals, als hier noch ein geschützter Auenwald stand. Axel Bulthaupt erzählt die Geschichte des ehemaligen Tagebaulochs bei Bitterfeld und entdeckt das entstandene Naturreservat neu.
Film von Antje Schneider
Die Sendung wird ausgestrahlt am Samstag, den 05.03.2016 um 11:30 Uhr auf MDR.