"Maren! Bitte abtragen!" Baron von Pöllnitz' Stimme klingt schlaff, fast herablassend. Eine Dienstmagd huscht um die Ecke und bringt das Zwiebelmuster-Geschirr in die Küche, beginnt es zu spülen. Das Wasser hat sie zuvor in einem Holzeimer geholt.
Wie Menschen des 18. Jahrhunderts zu leben, das versuchen das Ehepaar Lang und Maren Wieczorek an diesem Wochenende. Sie sind Geschichtsdarsteller und übersetzen nicht nur ihre Kleidung, sondern auch ihren Alltag ins Rokoko, um Geschichte am eigenen Leib zu erfahren. Dazu gehört auch die Einhaltung der Standesgrenzen zwischen Adligen und Dienstmagd - auch wenn sich in die Szene ein böser Fehler eingeschlichen hat: Ein Baron würde niemals bitten!
In diesem Teil spielt auch ein Barockgeiger mit seinem Ensemble, der sein Instrument nicht modern, sondern historisch spielt. Eine Tanzmeisterin weist ihren Schülern den Weg zum "barocken Körper" und mit den Werkzeugen des Krieges - eine für die Frühe Neuzeit elementare Erfahrung - beschäftigt sich ein Büchsenmacher. Er kopiert Waffen des 16. und 17. Jahrhunderts so genau, dass nur noch Fachleute den Unterschied erkennen. Schlachtfeldarchäologen hingegen erforschen das, was der Einsatz der Waffen damals angerichtet hat: Sie rekonstruieren die letzten Minuten der namenlosen Soldaten, die auf den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Kriegs geblieben sind. Auf ganz andere Weise wird die Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Rothenburg ob der Tauber lebendig: Mit den "Meistertrunk-Festspielen" gedenkt die Stadt ihrer Verschonung, wenn dies auch nur eine Legende ist, sie schweißt die Rothenburger zusammen, bis heute.
Es gibt Menschen, die sind von der Vergangenheit begeistert: und es werden immer mehr, die sich Woche für Woche auf Zeitreise begeben. Sie wollen wissen, wie es damals war. Sie bauen Häuser wie vor über tausend Jahren, mit den gleichen Materialien und Werkzeugen. Sie finden mit Nachbauten von Waffen oder Werkzeugen viel über deren Eigenschaften, Funktion und praktischen Gebrauch heraus. Das hilft mitunter denen, die sich beruflich und wissenschaftlich mit der Vergangenheit beschäftigen. Bestenfalls ist es ein Geben und Nehmen, von dem alle nur profitieren. Bei allem Fragen danach, wie es denn damals gewesen ist, darf für viele der Spaß und der Nervenkitzel nicht zu kurz kommen, wenn sie sich in eine andere Zeit versetzen, um mit fremd anmutenden Kostümen und Requisiten eine vergangene Epoche wiedererstehen zu lassen. Es sind dann nicht nur farbenfrohe und erlebnisreiche Reisen in die Vergangenheit, sondern es ist immer auch eine Reise zu sich selbst.
In einer Mischform von Reportage und Dokumentation bietet "Lebendige Geschichte" die Möglichkeit, Geschichte in ihren Geschichten in der Vergangenheit wie Gegenwart nachzugehen. Dabei erhält man Antworten auf die Frage nach dem Sinn der Geschichte, die so bunt, vielfältig, amüsant, mitunter skurril, ernst, erhellend wie widersprüchlich sind - wie das Leben selbst.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Montag, den 22.02.2016 um 17:15 Uhr auf ARD alpha.