Wenn Vera in ihrem Wohnzimmer den Laptop aufklappt, blickt sie zuerst auf eine Landkarte von Brasilien. Chapecó, das Krankenhaus, in dem sie geboren wurde, Babyfotos - der Anfang ihres Lebens in einem Album.
"Das ist mein Buch, mit Bildern seit meinen Babytagen. Ein Geschenk meiner Eltern", sagt sie. Eltern, das sind für Vera die beiden Menschen aus Deutschland, die sie kurz nach ihrer Geburt adoptiert haben - und die sie zugleich erst spät zu ihren biologischen Wurzeln führen.
Geboren wird Vera in Brasilien, mit einem schweren angeborenen Herzfehler. Eine Adoptionsvermittlerin in Rio sorgt dafür, dass das kranke Kind nach Deutschland kommt. In Bonn wird sie operiert, noch bevor sie ein halbes Jahr alt ist. "Wenn sie nicht nach Deutschland gekommen wäre, dann wäre sie nicht durchgekommen", sagt Elmi, die "zweite Mama" aus Brasilien, die damals die Adoption betreut und noch heute Kontakt hält.
Als Kind stellt Vera sich kaum Fragen. Erst in der Schule wird ihr klar, dass sie anders ist: Das einzige adoptierte Kind in der Klasse, geboren in Brasilien: "Warum hat meine leibliche Mutter mich weggegeben? Wo sind meine Wurzeln?" Mit der Pubertät werden diese Fragen drängender. Es kommt zu heftigen Konflikten mit den Adoptiveltern. Sie droht, mit 18 nach Brasilien zu gehen. Die Eltern haben Angst, sie zu verlieren - auch, weil Vera Einzelkind ist. Hinzu kommt ein weiterer Bruch: Mit acht Monaten erfahren die Adoptiveltern, dass ihre Tochter taub ist. Erst wollen sie es nicht glauben. Eine Untersuchung bestätigt: Sie ist gehörlos.
Mit 15 oder 16 Jahren sagt sie ihren Eltern erstmals, dass sie ihre leibliche Mutter sehen möchte. Die Adoptivmutter schreibt einen Brief nach Brasilien. Und die Antwort darauf erreicht Vera an ihrem 18. Geburtstag. Nach einem merkwürdigen Tag voller Spannungen steht ihre Adoptivmutter mit einem beschriebenen Blatt Papier im Zimmer. "Willst du mir jetzt erzählen, dass du meine leibliche Mutter gefunden hast?" - "Ja", antwortet sie. Vera erfährt: Sie hat vier Geschwister: zwei Schwestern, zwei Brüder.
Ein Jahr später wird die Geschichte öffentlich: In der Fernsehsendung "Nur die Liebe zählt" trifft Vera ihre leibliche Mutter zum ersten Mal. Doch Nähe ist kompliziert. Die Familie in Brasilien fühlt sich sofort "verbunden" an, echt. Bei der leiblichen Mutter spürt Vera Distanz, etwas, das "nicht ehrlich" wirkt. Zugleich bleibt die Adoptivmutter in Deutschland der Mensch, mit dem sie emotionale Wurzeln fühlt.
Heute hält Vera per Videotelefonie Kontakt zu ihrer brasilianischen Familie: "Endlich habe ich meine Familie kennengelernt. Mit 28 Jahren habe ich endlich meine Wurzeln gefunden."
Die Sendung wird ausgestrahlt am Montag, den 30.11.2026 um 06:45 Uhr auf MDR.