

Polens Geschichte im Zweiten Weltkrieg ist bis heute ein blinder Fleck in Deutschland. Die einen wissen zu wenig, einige Ältere wissen so manches über den deutschen Angriff auf Polen vom 1. September 1939 - erzählen aber nicht alles.
In Polen kennt jeder den Warschauer Aufstand. Deutschland aber ließ die meisten Täter laufen. Dabei hat Polen im Krieg rund sechs Millionen Menschen verloren. Warum wissen weltweit nur wenige vom Leid der Polen – wurde ihre Sache nicht gut verfochten, oder wollte es niemand hören?
In Polen denkt jeder Dritte: Deutschland sei zu billig davon gekommen. Lang ist es her, meinen dagegen einige hierzulande, und sind gegen neu aufkommende Reparationsforderungen. Noch immer gibt es auf deutschem Boden kein richtiges Denkmal für alle polnischen Weltkriegsopfer. Kein Wunder, dass viele Polen– wenn sie Deutschland hören – noch oft an die nicht aufgearbeitete Kriegszeit denken. Filmautor Tilmann Bünz geht für phoenix der Frage nach, ob es noch eine deutsche Schuld gegenüber dem polnischen Nachbarn gibt.
Wer die Bilder von Warschau 1945 sieht, dürfte daran keinen Zweifel hegen: Die bisher kaum gezeigten Bilder der beiden Fotografinnen Zofia Chomętowska und Maria Chrząszczowa zeigen mit Warschau 1945/1946 eine Stadt, die in großen Teilen in Trümmern liegt. Deutsche Besatzer zündeten auch die Bibliotheken an und brannten das Stadtschloss nieder. Das war keine militärische Logik, sondern schiere Lust an der Vernichtung.
Nach unabhängigen Schätzungen sind nach 1945 etwa drei Milliarden Euro von Deutschland in Richtung Polen geflossen, plus den Reparationen, die Deutschland stellvertretend an die Sowjetunion überwies, die aber nie in Polen ankamen. Die polnische Regierungspartei PIS gab immer wieder bekannt, dass sie ausrechnen lasse, wie hoch der Gesamtschaden ist, kam aber bisher zu keinem Ergebnis. Es könnte sich durchaus um eine Billion Euro handeln.
Die Geschichtsreportage aus der Reihe "mein ausland spezial" fragt: Kann man Verbrechen und Vernichtung überhaupt mit Geld aufwiegen – und was ist, wenn Deutschland die Gegenrechnung aufmachen würde für die deutschen Ostgebiete?
Jemand wie Wolfgang Thierse, der vehement für ein Polendenkmal in Berlin kämpft – und selber aus Breslau stammt, weist Geldforderungen kategorisch zurück: „Wer die Rechnung aufmacht, muss auch über darüber reden, dass Schlesien mal die reichste Provinz Preußens war – und jetzt zu Polen gehört.“ Bei näherem Hinsehen werden die meisten Dinge einfacher. Bei der deutsch-polnischen Geschichte ist das nicht der Fall.
Dies ist der zweiten Teil einer Reihe „Polen und Deutsche“, mit der Filmautor Tilmann Bünz für phoenix auf das besondere historische Verhältnis dieser beiden Nachbarländer und ihrer Menschen blickt (Die Reihe begann mit „Der Papst der aus der Kälte kam“).
Film von Tilmann Bünz
Die Sendung wird ausgestrahlt am Montag, den 12.02.2024 um 17:15 Uhr auf phoenix.