Die Skyline der 1986 erloschenen Hochöfen, wen fasziniert sie nicht. Um den ehemaligen Konzernchef, Kommerzienrat Hermann Röchling, Ex-Wehrwirtschaftsführer und Exponent der Hitlerschen Kriegswirtschaft, nach dem Kriege von einem französischen Tribunal rechtskräftig als Kriegsverbrecher verurteilt, wird immer noch gestritten: Darf, soll die gleich zweimal nach ihm benannte Siedlung auf der Bouser Höhe weiter seinen Namen tragen? Das ist ein politischer Streit.
Wie der Juniorchef des Werkes, Hermann Röchlings Sohn Karl Theodor, knapp drei Monate vor Kriegsende im Saarland zu Tode kam, war auch einmal Gegenstand eines politischen Streits, damals am Wendepunkt zwischen Krieg und Nachkrieg, zwischen Besatzungsregime und Wiederaufbau. Der "Antinazi" Karl Theodor Röchling, so stellten es Familienmitglieder und Nachkriegs-Werksangehörige dar, sei von den Nazis selbst, von Handlangern der Gestapo ermordet worden. In der Zeitung dagegen stand im Februar 1945, die Mörder seien Russen gewesen, die dafür zum Tode verurteilt worden seien. Was geschah wirklich im Völklinger Eisen- und Stahlwerk am 17. Dezember 1944?
Fakt ist: Karl Theodor Röchling und sein Leitender Ingenieur Heinrich Koch kehrten von einem Kontrollgang durch das evakuierte Werk nicht zurück. Erst zwölf Tage später fand man die beiden - tot, erschossen. Im Sommer 2010 machte Inge Plettenberg eine alte Frau ausfindig, die damals am Tatort war. Zusammen mit zwei Landsleuten, die wie sie aus der damaligen Sowjetukraine zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren.
Im Dezember 1944 waren sie junge Leute, 19 und 22 Jahre alt. Die Frau lebt heute, 89 Jahre alt, in Sankt Petersburg. Inge Plettenberg hat sie dort besucht und ihre Geschichte aufgezeichnet. Sie, die sich Jahrzehnte lang in Schweigen gehüllt hat, ist rückblickend betrachtet, Röchlings letzte Zeugin. Sie weiß noch, was Karl Theodor Röchling sagte, bevor er starb. Ihre Aussagen stehen nicht allein, sondern können nun verglichen werden mit den Feststellungen der Anklageakte des Sondergerichts Saarbrücken vom Januar 1945.
Im Saarland ist diese Akte nicht mehr auffindbar, doch im Februar 2011 fand Inge Plettenberg sie in Paris. Wie sie dorthin kam - auch das ist Teil der Geschichte, die Spuren dreier Lebenswege von Völklingen über Sulzbach/Saar und Bruchsal bis nach Aichach verfolgt. Lebenswege, von denen zwei am 20. März 1945 in einem Steinbruch in Bruchsal endeten - am Tag, als das Völklinger Werk von den Amerikanern besetzt wurde.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 14.05.2023 um 10:30 Uhr auf SR.