Böden dünsten Phosphorwasserstoff aus. Manchmal ziehen Salzsäurenebel übers Feld. Seen sind vergiftet und Menschen baden in essigsaurem Wasser. Abermillionen Tonnen Giftmüll aus der chemischen Industrie verseuchen bis heute in Deutschland Böden und Wasser. Im Osten wie im Westen wurden die Abfälle der chemischen Industrie in den Tagebaulöchern der Kohlereviere verkippt. Sie gefährden unsere Umwelt für Jahrhunderte. "FAKT" berichtet über bedrohte Anwohner, deren Gesundheit aufs Spiel gesetzt wird und überforderte Behörden. Die bittere Erkenntnis der investigativen Recherche: Viele Umweltschäden durch die Altlasten werden bis heute vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Die erfahrene Umweltjournalistin Heidi Mühlenberg war im Bitterfeld-Wolfener Chemierevier im Osten und im Chemierevier Hürth/Knapsack bei Köln in NRW unterwegs: Was bedeutete es jeweils für die Anwohner in der Nachbarschaft der Großchemie zu leben? Wie bedrohen die Altlasten ihren Alltag - heute, bei Hochwasser und in Zukunft, wenn der Klimawandel mit Fluten die Altlasten ausschwemmt? Das verseuchte Bitterfeld stand als Synonym für die Umweltverbrechen einer rücksichtslosen Planwirtschaft, der DDR und der Nachwendezeit - so glauben viele. Doch lief es im Westen Deutschlands besser? Was geschah hüben wie drüben mit dem Giftmüll der Chemiekonzerne? In Hürth steht quasi ein Zwillingswerk von Bitterfeld: Die ehemaligen Höchst-Werke. Beide Standorte entstanden zur Kaiserzeit. Beide nutzten die Braunkohle- und Steinsalzvorkommen ihrer Region sowie die Nähe zum Wasser (Mulde/Rhein), um 120 Jahre Elektrochemie und Chlorchemie zu betreiben. Daher ähnelt sich die Palette der hergestellten Produkte mit Chlor, Phosphor, Metallen, Farben, Dünger, Pestiziden und Kunststoff. Ähnlich sind auch die Umweltschäden. Beide Standorte erzeugten langlebigen Giftmüll - zu Abermillionen Tonnen, der noch hundert Jahre und mehr Probleme verursachen wird. Bitterfeld ist heute eine grüne Stadt, man ist stolz auf den großen Goitzschesee. Doch schaut man genauer hin, liegen im Boden bis in 60 Meter Tiefe noch immer die hochgiftigen Hinterlassenschaften der DDR-Chemieindustrie - besonders aus der Lindan-Produktion. Dabei fielen mindestens 70.000 Tonnen HCH-Abfall an, die heute die Muldeauen belasten. Hexachlorcyclohexan (HCH) ist ein Nervengift, das über Ackerböden leicht in Lebensmittel gelangen kann und sich im Fettgewebe anreichert. Pumpen und Absperrmauern müssen die Anwohner der Bergmannshofsiedlung vor giftigem Grundwasser schützen. Auch die Chemie-Werke in Hürth missbrauchten ausgekohlte Tagebaugruben als Giftmüll-Kippen, wild und ohne Dokumentation bis in die 70er Jahre. Auch hier wurde ein Ort umgesiedelt - nicht, um Kohleabbau zu ermöglichen, sondern wegen unerträglicher Luftverpestung. Giftige Abfälle landeten hier wie da in Seen und Bächen mit hohen Risiken für die Wasserversorgung und die Lebenswelt. Im Unterschied zu Bitterfeld sind viele Umweltschäden durch Altlasten in NRW bis heute Geheimsache. Zur Wahrheit gehört aber auch: Kapitaleinsatz und Innovationstempo waren im Westen höher. Alte Verfahren, die besonders viel Giftmüll erzeugten, wurden viel früher als im Osten durch modernere ersetzt.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Dienstag, den 22.03.2022 um 23:35 Uhr auf tagesschau24.