

Von den im Zweiten Weltkrieg unzerstört gebliebenen Städten Deutschlands dürfte Görlitz eine der, wenn nicht die schönste sein: 4.000 Baudenkmäler stehen in der Altstadt. Einen Bruch aber brachte das Kriegsende sehr wohl mit sich: die Zweistaatlichkeit. So gibt es seitdem das deutsche Görlitz westlich der Neiße und auf der östlichen Seite das polnische Zgorzelec.
Lebten in Görlitz 1989 noch rund 78.000 Menschen, schrumpfte die östlichste Stadt Deutschlands inzwischen auf etwa 55.000 Einwohner. Die Tendenz ist jetzt wieder leicht steigend, der Aderlass scheint gestoppt. Wirklich Großartiges gelang in den vergangenen 26 Jahren auf dem Feld der Denkmalpflege: In der DDR sollten zumindest Teile der Altstadt gesprengt und neu bebaut werden. Die Sprenglöcher waren angeblich schon gebohrt. Doch nach der Wende schafften Land, Bund und Kommune, privates Geld, Stiftungen, Institutionen und Spenden das "Märchen von Görlitz". Berühmt wurde die sogenannte "Altstadt-Million" eines anonymen Görlitz-Liebhabers.
So nutzen Filmproduktionen "Görliwood" als Kulisse für historische Stoffe. Kate Winslet schippte hier Kohlen in "Der Vorleser", Ralph Fiennes war Concierge am "Grand Budapest Hotel" und Jackie Chan sprang am Untermarkt aus dem Fenster für "In 80 Tagen um die Welt". Und mit seinen sanierten Hallenhäusern, ehemaligen Kaufmannsburgen an der Via Regia, bewirbt sich Görlitz als UNESCO-Weltkulturerbe.
Die Dokumentation "Görlitz - wunderbar verwandelt" wagt einen Blick in fünfstöckige mittelalterliche Keller, aber auch den Überflug über den malerischen Ober- und Untermarkt. Sie zeigt die guten Stuben mit Stuck genauso wie die wohl schönste Schaubibliothek der Aufklärung und erzählt von Lust und Leid der Görlitzer beim "Abenteuer Sanierung". Ein Komparse plaudert aus dem Nähkästchen seiner Hollywood-Erfahrungen und ein ehemaliger Stern-Kriegsreporter zog als Pensionär an die Neiße und genießt in einem osteuropäischen Lokal regelmäßig ein Wodka-Frühstück. Wenn Görlitzer großen Sport erleben wollen, pilgern sie über den Grenzfluss zum erstklassigen Basketball-Team in die neue Sportarena von Zgorzelec. Langsam wächst wieder zusammen, was zusammen gehört.
Film von René Römer
Der wunderbare Wandel von Görlitz gehört zu einer vierteiligen Staffel, die die Geschichte der Wiedergeburt unserer Städte zeigt. Die Sendereihe "Der Osten - Entdecke, wo du lebst" macht außerdem am Beispiel von Arnstadt, Aschersleben und der Dresdner Albertstadt deutlich, wie sich das Lebensumfeld in Ostdeutschland in den letzten Jahrzehnten von Grund auf verändert hat. Vor allem die ersten Jahre nach der Deutschen Einheit waren geprägt durch schrumpfende Städte, Abwanderung und Überalterung. Dort, wo städtebauliche Sanierung griff und die Tristesse verschwand, stabilisierten sich die Bevölkerungszahlen und es entwickelte sich ein neues Lebensgefühl - eben "wunderbar verwandelt".
Die Sendung wird ausgestrahlt am Samstag, den 30.10.2021 um 11:45 Uhr auf MDR.