Ein Beispiel für gelebtes Miteinander in Zgorzelec und Görlitz sind Sebastian und Magdalena Zielinska König. Er aus Bayern, sie aus Nordpolen, lernten sich vor über zehn Jahren in Görlitz kennen und blieben. An kaum einem anderen Ort können ihre Kinder beide Sprachen so gut leben und die Kulturen beider Länder kennenlernen wie hier. Wenn Magdalena die Zutaten für ihre Rote Beete Suppe auf dem Markt in Zgorzelec einkauft, bringt sie ein Stück polnische Heimat auf die Teller ihrer Familie.
Die Lehrerin Agnieszka Korman weckt die Begeisterung für den polnischen Nachbarn bei ihren deutschen Schülerinnen und Schülern mit kreativem Unterricht. Sie begleitet eine Generation, die offen ist für das jeweils andere Land und die auch manch verbreitete Vorurteile von älteren Menschen nicht mehr nachvollziehen kann.
Auch wenn sich nur noch wenige in der Doppelstadt an den zentralen Einschnitt im Jahr 1945 erinnern können, wirkt er dennoch nach. Einen Tag vor der Kapitulation sprengte die deutsche Wehrmacht damals alle Brücken, die Görlitz über die Neiße hinweg mit der Oststadt verbanden. Kurz danach wurde der Fluss zur neuen Demarkationslinie erklärt und Wochen später alle deutschen Bewohner aus dem nun polnischen Teil der Stadt ausgewiesen. Es waren nicht die Einzigen. Zehntausende Zwangsausgesiedelte drängten in den Westteil der Neißestadt und bescherten Görlitz so den Titel "Großstadt".
Die historische Innenstadt wie die prachtvollen Gründerzeithäuser waren alle mit Flüchtlingen vollgestopft. Während sich in der nunmehr Zgorzelec getauften Oststadt erst viel später Polen in die verlassenen Häuser der deutschen "Geisterstadt" wagten. Trotz Abschluss eines Grenzvertrags im Jahr 1950 blieben Trennung und Distanz dominant. Selbst nachdem 1972 die Visumspflicht zwischen den Nachbarstaaten fiel und die Grenze fortan durchlässiger wurde, wagten sich viele der Bewohner links und rechts der Neiße nicht, die wieder aufgebaute Stadtbrücke zum Nachbarn zu überqueren. Manch eine oder einer bis heute.
Ihre Kinder, Enkel und die Neuangesiedelten spüren dieses Erbe und haben doch einen ganz eigenen Umgang damit entwickelt. Er ist geprägt von der Neugier auf die andere Geschichte, Sprache und Kultur. Und sie sind angetrieben von der Aussicht, auf dem neuen Fundament Europa tatsächlich ein gemeinsames Gebilde namens Görlit[Z]gorzelec zu erschaffen.
Ein Film von Nils Werner und Josefine Bauer
Die Sendung wird ausgestrahlt am Mittwoch, den 25.08.2021 um 02:05 Uhr auf MDR.