

Die alleinerziehende Sükriye Döker kann jeden Morgen ohne schlechtes Gewissen schon um 5 Uhr früh zur Arbeit fahren. Sie weiß, dass die pensionierte Nachbarin Moni Stekl ihre Tochter Eileen weckt und zur Schule bringt. Die Menschen im Mehrgenerationenhaus am Schorndorfer Mühlbach sind ein kleines Netzwerk von alltagspraktischer Nächstenliebe.
Mit dieser gegenseitigen Hilfe werden alle mobiler, nicht nur im Arbeitsumfeld. Im Herbst 2007 war es nach fünf Jahren Planung so weit: In die 30 Wohnungen des Schorndorfer Mühlbachhauses nahe Stuttgart zogen 63 Menschen. Junge Familien, Alleinerziehende, Rentner*innen sowie ein evangelisches Pfarrer-Ehepaar. Sie alle haben unterschiedliche Talente und Träume. Ihr in U-Form gebautes Mehrgenerationenhaus verstehen sie als Alternative zum Alleinleben. Alle Bewohner*innen helfen und unterstützen sich gegenseitig. Nach größeren und kleineren zwischenmenschlichen Reibungen gelang das Experiment: Keine*r ist ausgezogen.
Das Mühlbachhaus hält auch den Geist auf Trab. Der pensionierte Pfarrer Werner Dierlamm, mit 83 Jahren ältester Bewohner, organisiert gemeinsam mit einem früheren Schulrektor politisch-theologische Gesprächskreise. Für ihn steckt in der Gemeinschaft von Menschen unterschiedlicher Religionen ein christlicher Gedanke: "Man lernt, mit Menschen zusammen zu sein".
Anders formuliert es Hans-Martin Tramer, einer der Gründer des Mühlbachhauses. "Wir haben im Haus alle Probleme, die es in anderen Häusern auch gibt. Aber wir haben den Anspruch, sie anders zu lösen". Mit dieser Haltung bleiben die Mitglieder dieser Gemeinschaft sozial mobil. Jede*r kann bei jedem und jeder anklopfen, ohne viel Aufhebens besucht man sich gegenseitig und immer ist ein*e Erwachsene*r in der Nähe, wenn sich die Kinder frei austoben. Genauso gehören die vier behinderten Menschen im Mühlbachhaus dazu. Sie fühlen sich in dieser lebendigen Gemeinschaft angenommen und gleichwertig.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 22.08.2021 um 09:45 Uhr auf SWR.