

100 Stahlarbeiterinnen und Stahlarbeiter haben sich im vergangenen Februar vom saarländischen Dillingen zu Fuß auf den Weg zur EU-Kommission nach Brüssel gemacht: Thomas H. war einer von ihnen. Der "Walk of Steel" wollte auf die prekäre Lage der Branche aufmerksam machen. Schon damals war klar, dass in der saarländischen Stahlindustrie 1500 Jobs wegfallen sollen. Dann kam Corona. Für den 52-Jährigen bedeutet das: Kurzarbeit und noch mehr Unsicherheit im Hinblick auf seine berufliche Zukunft. Thomas H. ist davon überzeugt, dass es enorm wichtig wäre, die Stahlproduktion in Deutschland zu halten. Aber die Industriekunden bestellen zu wenig und Klimaauflagen sind teuer. Ralph K. hat viel Verständnis für die Aktionen der Stahlarbeiter. Seit 2018 hat der 50-Jährige mit seinen Kolleginnen und Kollegen für den Erhalt der Jobs beim Saarbrücker Autozulieferer "Halberg Guss" gekämpft. Mit Zugeständnissen der Belegschaft und monatelangen Streiks. 1.500 Menschen waren bei "Halberg Guss" damit beschäftigt, Motorblöcke herzustellen. Dann kam die Insolvenz und im Sommer 2020 die endgültige Schließung des fast 300 Jahre alten Unternehmens. Ralph K. macht dafür Missmanagement, den Drang zur Elektromobilität und verunsicherte Kundinnen und Kunden verantwortlich. Aber auch in der Corona-Zeit will er die Hoffnung nicht aufgeben, doch noch einen neuen Job zu finden. Durch ein Wechselbad der Gefühle ist Klaus E. in den vergangenen Jahren gegangen. Seit 35 Jahren arbeitet der 51-Jährige im Tagebau Garzweiler und muss wie seine Kollegen und Freunde mit dem Hass auf den Braunkohleabbau umgehen. Ihm machen die Drohungen der Kohlegegnerinnen und Kohlegegner sehr zu schaffen. Denn nach seinem Empfinden hat er lange und hart für den wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland gearbeitet. In das Kohleausstiegsgesetz setzt Klaus E. keine persönliche Hoffnung. Er befürchtet den Niedergang der ganzen Region und den Verlust vieler Arbeitsplätze. Stahlkocher und Kumpel waren früher traditionsreiche, gut bezahlte und hochangesehene Berufe. Durch die Transformation der Industrie verlieren jetzt Tausende nicht nur ihren Arbeitsplatz und ihre berufliche Existenz, sondern auch gesellschaftliche Wertschätzung und ein Stück ihrer Identität. Sie verlieren ihr von der katholischen Soziallehre und der UN-Menschenrechtscharta postuliertes "Recht auf Arbeit" und fühlen sich so, als würden sie damit auch ein Stück ihrer Würde verlieren. Was macht es mit Menschen, wenn ihr bisheriges Lebenskonzept vor dem Aus steht? Was kann ihnen Halt geben, gerade auch in der Zeit von Covid 19?
Die Sendung wird ausgestrahlt am Samstag, den 17.10.2020 um 11:00 Uhr auf ARD alpha.