Alles begann voller Zuversicht. Als ich 1993 in die fünfte Klasse des Gymnasiums kam, war ich ein sehr selbstbewusstes Mädchen. Der Schulwechsel bereitete mir kein Kopfzerbrechen. Ich fand schnell neue Freunde und wurde Teil der "coolen" Clique der Klasse. Doch irgendwann änderte sich etwas. Meine beste Freundin Johanna schnitt mich. Die anderen Mädchen hörten auf zu reden, wenn ich dazu kam. Sie sperrten sich in der Schultoilette ein, um etwas zu besprechen. Sie verzogen das Gesicht, wenn ich dazukam. Ich durfte nicht neben ihnen sitzen.
Ich kannte so ein Verhalten nicht und sprach Johanna mehrfach darauf an. Ich verstand einfach nicht, was das sollte. Ihre Antworten waren schwammig und lieferten keine wirklichen Gründe. Mit der Zeit wurde es immer schlimmer - langsam, aber hartnäckig.
Der Anti-Simone-Club
Beleidigen, bewerfen, ausgrenzen - Simone Horst erlebte mehrere Facetten des Mobbings.
Jeder Schultag wurde ein neuer Spießrutenlauf. Es fing schon auf dem Weg an. Ich fuhr normalerweise mit einer Freundin gemeinsam mit dem Fahrrad zur Schule. Eines Tages wartete sie nicht mehr auf mich. Wenn ich in den Klassenraum kam, standen Dinge über mich an der Tafel. Ich fand jeden Tag Zettel mit Beleidigungen in der Schultasche und wurde auf dem Schulhof mit Müll beworfen. Ich wurde zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, nur um dort vor allen bloß gestellt zu werden. In der Klasse ging ein Zettel herum, auf dem alle unterschreiben sollten - die Mitgliederliste des "Anti-Simone-Club". Das ganze hielt ein Jahr an.
Was tun?
"Warum habt ihr nichts getan?" fragen viele. Wir haben etwas getan. Von Anfang an habe ich meinen Eltern alles erzählt. Meine Mutter sprach mit den befreundeten Eltern eines der Mädchen darüber. Am nächsten Tag war alles noch viel schlimmer. Ich war die Petze. Darum trauten wir uns nicht, auch noch die Lehrerin einzuweihen. Auf einem Elternsprechtag, Jahre später, erzählte meine Lehrerin allerdings, dass sie das durchaus mitbekommen hatte. Sie habe die Mädchen auch angesprochen. Ob das geholfen hat, kann ich nicht beurteilen. Mit mir hat sie nie darüber geredet.
Meine Geschichte als Film
Bei Vertretern ihrer ehemaligen Schule stößt die Reporterin mit dem Thema Mobbing auf Widerstand.
Seit ich beim NDR arbeite, will ich einen Film über Mobbing machen. Ich will anderen Opfern zeigen, dass es ein Leben danach gibt. Ich will den Tätern zeigen, dass Mobbing tiefe Spuren hinterlässt, denn noch heute beeinflussen mich die Erfahrungen von damals - besonders im Umgang mit Freunden. Die Redaktion wollte das Thema machen, unter der Voraussetzung, dass ich meine eigene Geschichte erzähle und meine ehemaligen Mobber konfrontiere. Wollte ich wirklich so etwas Privates vor einer Kamera erzählen? Wollte ich die Mädchen von früher wirklich ansprechen? Andererseits, wenn nur ein Jugendlicher, der in der gleichen Situation ist, diesen Film sehen würde und sich dadurch besser fühlt, dann hätte es sich schon gelohnt. Meine Mutter erklärte sich ebenfalls bereit dazu mit mir vor einer Kamera darüber zu reden. Bei meiner damaligen Lehrerin und meiner Schule stieß ich auf Widerstand.
Doch die wichtigste Frage war: Würden meine ehemaligen Mobber mit mir reden? Jede Anfrage bereitete mir schlaflose Nächte und Herzrasen. Am Ende würde ich mit drei Mädchen von damals reden - auch der damaligen Anführerin. Keine wollte vor die Kamera, aber ich durfte mit ihnen telefonieren. Und sie gaben mir einen Einblick in die "andere Seite".
Das Opfer hat niemals Schuld
Die Sendung wird ausgestrahlt am Dienstag, den 21.04.2020 um 18:00 Uhr auf ARD alpha.