

Marion Waade, 59, gibt sich kämpferisch. Oft ist sie unterwegs, um sich mit betroffenen Angehörigen zu treffen. Allen ist es wie ihr selbst ergangen: Sie haben ein Kind durch Mord verloren.
In der Folge fühlen sich die Opfereltern allein gelassen inmitten einer chaotischen Zeit, in der regelmäßig familiäre Welten einstürzen und Lebensträume zerplatzen. Viele leiden unter jahrelangen Depressionen oder Schuldgefühlen. Oft gilt es zusätzlich, komplexe juristische Prozesse rund um den Tod ihrer Kinder durchzustehen. Eine staatliche Anlaufstelle für solche traumatisierten Angehörigen fehle, klagt Marion Waade, oft würden Opferentschädigungen oder Reha-Maßnahmen gar nicht oder erst nach Jahren gezahlt. Deshalb hat die Berlinerin jetzt selbst einen Hilfsverein gegründet - von Angehörigen für Angehörige von Mordopfern.
Eine von ihnen ist Miriam Lutz. Die 48-jährige Krankenschwester musste ihren Job aufgeben, um ihre kleine Enkelin zu betreuen. Denn ihre Tochter, die Mutter der Kleinen, wurde letztes Jahr von ihrem eifersüchtigen Ehemann getötet. Wir erleben mit, was das für Miriam Lutz und ihre Familie bedeutet: Sie liegt im Clinch mit Ämtern und Gerichten, denn die haben das Sorgerecht zunächst dem Täter zugesprochen. Nun kämpft die Großmutter darum, dass die kleine Enkeltochter weiterhin bei ihr leben darf.
Zusätzlich plagt sie sich mit Depressionen und Selbstzweifeln. "Hätten wir etwas tun können?", fragt sich Mutter Lutz. Doch schwieriger noch, erzählt sie, sei ihr Kampf zurück ins alltägliche Leben und darum, ihren jüngeren Kindern wieder ein Stück Normalität ins Leben zurückzubringen. Und Hilfen gebe es so gut wie keine. Ständig müsse sie um alles bitten und immer wieder die Geschichte ihres Verlustes aufs Neue erzählen. Ob der hinterbliebenen Mutter eine Opferentschädigung zusteht, müssen Gutachter klären. Eine beantragte Reha-Maßnahme wurde bereits abgelehnt.
Marion Waade kennt diese Situation aus eigener Erfahrung: "Genau darum brauchen die betroffenen Eltern selbst einen staatlich anerkannten Opferstatus", erklärt sie, "denn auch sie wurden ja zum Opfer von Gewalt - einer psychischen Gewalt, die sie durch den Tod ihrer Kinder erlitten haben". Dafür brauche es ein neues gesellschaftliches Bewusstsein und bessere Gesetze, fordert die resolute Berlinerin. Film von Christian Jentzsch
Thementag: Schicksalsmomente
Die Sendung wird ausgestrahlt am Freitag, den 03.01.2020 um 23:15 Uhr auf phoenix.