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Märchen & Sagen

Der Rattenfänger und die verschwundenen Kinder
(vom 9.2.2010)
45 min Deutschland 2005 Donnerstag, 12.12.2019 05:10 Uhr
ZDFneo
Donnerstag
12.12.2019
05:10 Uhr
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Bildquelle: Pressebild (zdfPresse)
Bildquelle: Pressebild (zdfPresse)

Am 26. Juni 1284 verschwinden aus der stolzen Kaufmannsstadt Hameln 130 Kinder auf mysteriöse Weise. Von Anbeginn nährt die unglaubliche Geschichte Spekulationen aller Art. Machte der vermeintliche Rattenfänger in Wahrheit Propaganda für die Besiedlung neuer Gebiete im Osten und suchte Freiwillige? Eine weitere Theorie basiert auf der Vermutung, die Jugendlichen seien der Pest zum Opfer gefallen. Märchen sind die Sprache der Seele, heißt es. Sie sind wie Träume, die tief im Unterbewusstsein nachwirken. Ähnlich wie Bibelgleichnisse enthalten sie verschlüsselte Botschaften, die bis in die Wirklichkeit hineinreichen. So fantastisch viele der Geschichten auch klingen, so beruhen die meisten doch auf historischen Fakten. Die Reihe "Märchen & Sagen" präsentiert die Erkenntnisse von Wissenschaftlern zu den überlieferten Geschichten von Schneewittchen, Sterntaler und dem Rattenfänger, zu deren verschlüsselten Botschaften und historischen Hintergründen. Das Verschwinden der Kinder im Jahr 1284 erschütterte die Bürger von Hameln derart, dass sie von da an für ihre Gemeinde die Zeitrechnung "nach dem Ausgang unserer Kinder" einführten. Obwohl das präzise Datum und die Anzahl der Vermissten in allen Dokumenten identisch verzeichnet sind, blieben die Hintergründe nebulös. Chroniken, Mirakelbücher und Flugblätter künden von jenem geheimnisvollen Mann im bunten Rock, der seit Jahrhunderten Schlagzeilen macht und noch heute als Markenzeichen für Hameln ein lukrativer Wirtschaftsfaktor ist. Als "wunderlich" bezeichnen ihn die Brüder Grimm, die den Stoff 1816 unter dem Titel "Die Kinder zu Hameln" in ihre Sagensammlung aufnahmen und sich auf elf verschiedene Quellen beriefen. Der Fremde gab sich als Rattenfänger aus und versprach, gegen Entgelt die Stadt von allen Ratten und Mäusen zu befreien. Tatsächlich lockte er einen riesigen Haufen der unerwünschten Nager an die Weser - allein mit den Tönen seines Pfeifchens. Die Tiere stürzten sich ins Wasser und ertranken. Von der lästigen Plage befreit, verweigerten die Verantwortlichen jedoch den vereinbarten Lohn. Zornig verschwand der Spielmann, kehrte aber bald darauf zurück - mit rotem Hut und in der Kleidung eines Jägers. Als er seine betörenden Klänge in den Gassen hören ließ, sammelten sich viele Kinder um ihn. Nach Aussagen von Augenzeugen führte er sie aus den Mauern hinaus in die Felder und dann direkt in einen Berg. Dort verliert sich ihre Spur. Boten, die zu Wasser und zu Land ausgesandt wurden, um die Verschollenen aufzuspüren, kehrten ohne Ergebnis zurück. Gerüchten zufolge soll die Schar in eine Höhle marschiert und in Siebenbürgen wieder herausgekommen sein. Wissenschaftler erklären den sagenhaften Auszug mit dem großen Treck nach Osten, der im 13. Jahrhundert für viele Menschen in den überfüllten Städten als Rettungsanker winkte. Belegt ist, dass professionelle, bunt gekleidete Werber - sogenannte Lokatoren - in Begleitung von Trommlern oder Pfeifern im Auftrag des Deutschen Ritterordens unterwegs waren, um Siedler für die Kolonisation der weiten, unbebauten Flächen im Osten zu gewinnen. Kostenloses Land und Abgabenfreiheit erhöhten den Anreiz. Der Namensforscher Professor Udolph hat in Brandenburg, in der Uckermark und in Pommern eindeutig zwölf Orte identifiziert, die ähnlich heißen wie alte Orte aus der Region Hameln und dem Weserbergland. Denn Auswanderer benennen ihre neue Heimat nicht selten nach der alten - als Erinnerung an ihre Wurzeln. Auch die Verschiebung von Familiennamen aus dem Wesergebiet Richtung Osten konnte der Fachmann nachweisen. Der These zufolge gilt der Begriff "Kinder" sicher nicht für Minderjährige, sondern für junge Leute, die noch den Mut aufbringen, das Risiko einzugehen und eine Existenz in der Fremde zu gründen. Nach dem Aufbruch verlor sich schnell der Kontakt zum bisherigen Zuhause, regelmäßige Postzustellung existierte noch nicht. Und bald wusste niemand mehr, wo die Emigranten geblieben waren. - Märchen und Sagen: Der Rattenfänger und die verschwunde

Die Sendung wird ausgestrahlt am Donnerstag, den 12.12.2019 um 05:10 Uhr auf ZDFneo.