

Friedensstraße, Straße des Friedens, Friedenstraße - im Osten Deutschlands ist das einer der häufigsten Straßennamen. Schaut man auf eine Landkarte, so kann man noch heute anhand der Verteilung dieser Straßen die ehemalige innerdeutsche Grenze nachvollziehen. In ganz Deutschland gibt es gut 1.600 Straßen mit diesem Namen. Rund 200 davon führen durch Sachsen-Anhalt.
Ein halbes Jahr lang haben Reporter von MDR SACHSEN-ANHALT Friedensstraßen in verschiedenen Orten besucht. Und zugehört: Was bewegt die Menschen, was macht ihr Leben aus, wofür setzen sie sich ein? So unterschiedlich die Antworten dabei auch sein mögen, eines haben alle Geschichten gemeinsam - sie spielen in den Friedensstraßen. Und an den "Lebensmittelpunkten", wie Bäckerin Sybille Schreiber in Langeneichstädt ihr Geschäft nennt. Das Geschäft liegt genau auf der Friedensstraße. Regelmäßig kommt Bürgermeister Lutz Kloss vorbei: "Unsere Friedensstraße ist unheimlich lang. Da gibt es viele Geschichten zu erzählen". Eben auch die von Sybille Schreiber, die seit 18 Jahren hier arbeitet: "Ich bin ja hier in Langeneichstädt auch groß geworden. Ich bin von Kindesbeinen hier!"
Wenige Meter weiter betreibt Marcel Schreiber seine Fleischerei: "Also, wenn nichts dazwischenkommt, bleibe ich hier auf der Friedensstraße, solange ich lebe!" Sein Geschäft läuft gut, nur der Nachwuchs fehlt. Er erlebt damit, was ein bundesweiter Trend ist: Die Zahl der nicht besetzten Lehrstellen stieg von 2010 bis 2017 von 3,7 auf 8,8 Prozent. Doch das ist die pure Statistik. Was aber sagt das über das Lebensgefühl aus? Fleischer Schreiber zumindest sieht die Politik in der Pflicht: "Ich würde mir vom Staat wünschen, dass er kleine Betriebe mehr fördert."
Der Film spiegelt die Lebenswirklichkeit der Menschen in Mitteldeutschland wieder: Karneval und Feuerwehr, Ehrenamt, demographischer Wandel oder stundenlanges Pendeln zur Schule. Nachwuchsmangel, Eingemeindung, das Warten auf Fördermittel oder Hartz IV. Und die Dokumentation ordnet mit Daten und Fakten ein, was die Menschen den Reportern erzählen.
Die Reporter greifen dabei Themen auf, die man sich nicht nur morgens beim Bäcker erzählt, sondern auch nachmittags beim Friseur. Wie z.B. in Genthin im Salon von Ines Richart. Der steht ebenfalls in einer Friedenstraße. Die Friseurin erinnert sich noch an ihre Zeit als Aufstockerin: "Das ist einfach beschämend. Ich habe dann gesagt, du springst jetzt ins kalte Wasser. Weil man will ja nicht immer zum Amt rennen." Sie machte selbst einen, diesen Salon auf.
Die nördlichste der Friedensstraßen im Film ist die in Aulosen. Ehemaliges Sperrgebiet. Die Straße führte genau in den Westen. Im Grunde ist das ja immer noch so. Aber heute leben hier Alteingesessene und Nachbarn aus Niedersachsen gemeinsam und eine ganz besondere innerdeutsche Kegelverbrüderung.
Der Film "Leben in der Friedensstraße - Zwischen Fleischerei und Männerballett" zeigt die Bewohnerinnen und Bewohner der Friedensstraßen: Wer kennt eigentlich wen und was macht heute das Glück im Leben auf dem Land oder in der Stadt aus? Und es wird auch in Erfahrung gebracht, wie die einzelnen Straßen zu ihrem Namen kamen - was sich an Geschichte, Herkunft und Wechsel hinter dem Straßenschild verbirgt. Bei den Dreharbeiten war nicht selten zu hören: "Endlich sieht die Welt, dass es uns auch gibt." MDR SACHSEN-ANHALT erfährt von Leidenschaften, Alltagssorgen, Hoffnungen, Ängsten und Träumen. Film von Matthias Werner
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 06.10.2019 um 11:55 Uhr auf MDR.