

Im Mittelpunkt des Films von NDR-Reporters Klaus Scherer stehen gleich mehrere sogenannte "Fake News", die vor allem dank sozialer Netzwerke und Online-Plattformen wie "YouTube" mitunter Millionen Zuschauer erreichten. Auch ein Junge, der angeblich im Kugelhagel ein Mädchen aus einem Autowrack rettet, machte so als "syrischer Heldenjunge" im Internet Karriere. In Wahrheit hatte ein norwegischer Regisseur die Szene auf Malta gedreht, um auf Kinderschicksale im Krieg hinzuweisen.
Ein Video erregte Anfang 2015 weltweit Aufsehen. Es zeigte wie ein etwa zwölfjähriger Junge, angeleitet von einem Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), aus nächster Nähe scheinbar zwei enttarnte russische Spione erschoss. Experten des Bundesnachrichtendienstes (BND) haben den Clip nun als Inszenierung bezeichnet. "Wir können ausschließen, dass diese beiden Männer während dieses Videos tatsächlich ermordet worden sind", sagt ein namentlich nicht genannter BND-Mann in der ARD-Dokumentation. Tatsächlich zeige der Video-Film, anders als IS-typische blutrünstige Inszenierungen, weder Schusswunden noch Nahaufnahmen der angeblich Toten. Stattdessen legt die Bildanalyse der Experten nahe, dass aus der Waffe des Jungen in Wahrheit keine Kugeln kamen. Womöglich, so der BND, habe das Video nur Kinderkämpfer anwerben oder mögliche Spione abschrecken sollen.
Hinter anderen Falschmeldungen vermutet der BND, der erstmals einem TV-Reporter Zugang zu seinen Video-Analysten ermöglichte, eher fremde Regierungen. Ein Foto etwa, mit dem der Tod von IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi gemeldet wurde, war nur eine Montage. "Vermutlich sollte damit erreicht werden, dass Untergebene Baghdadis unbedacht ihr Mobiltelefon benutzen und so lokalisierbar würden," sagt ein weiterer BND-Mann.
Auch die Nachricht, wonach der IS in seinem Machtbereich Frauen beschneide, sei wohl eine Fälschung aus Regierungskreisen in Bagdad gewesen, um die Loyalität wankelmütiger ländlicher Stämme und Clans zu stärken.
Auch Forensik-Teams der britischen BBC und des Pariser Senders France24 zeigen dem NDR Fernsehteam ihre Recherche-Funde: das Foto eines dreckverschmierten kleinen Mädchens mit Hund zum Beispiel. Prorussische Aktivisten präsentierten das Mädchen im Netz als Opfer des ukrainischen Bürgerkriegs. In Wahrheit hatte das Foto schon vor Jahren einen Fotowettbewerb in Australien gewonnen. "Als wir die Aktivisten anriefen, wollten die das gar nicht hören. Sie waren voll auf Propagandakurs", sagt eine France24-Redakteurin.
Über die Fallschilderungen hinaus, hinterfragt Autor Klaus Scherer auch, wie etablierte Nachrichten-Redaktionen, darunter auch die ARD-eigene Tagesschau, mit den vielfältigen und zum Teil ungesicherten Quellen umgehen. Und es kommen der ukrainische Informationsminister und der Sprecher der israelischen Armee zu Wort, die beide über fremde Online-Lügen klagen, während sie gleichzeitig, die Verbreitung der eigenen Wahrheit über soziale Medien preisen.
Dass schon öffentlich gelogen wurde, bevor es das Internet gab, lässt der Film nicht außer Acht. Der Autor Klaus Scherer erinnert an Walter Ulbricht´s legendären Satz, dass er keine Mauer bauen wolle und auch an die Gerüchte, die aus den USA gestreut wurden, dass im Irak unter dem Regime von Saddam Hussein angebliche Babys ermordet worden seien, um Stimmung für den Golfkrieg zu machen. Die Möglichkeiten, Propaganda zu streuen, seien jedoch heute vielfältiger. Der frühere CNN-Reporter Frank Sesno, der an der Washingtoner Georgetown-Universität Journalismus lehrt, bestätigt das. "Dass man aus einer Höhle in Afghanistan binnen Sekunden ein Enthauptungsvideo an die ganze Welt richten kann, gab es noch nie", sagt er in dem ARD-Film.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Montag, den 29.10.2018 um 20:15 Uhr auf ARD alpha.