

Seit 16. Juni 2015 ist Michael Perez unter verschärften Bedingungen untergebracht - komplett isoliert in einem sogenannten Kriseninterventionsraum. 24 Stunden am Tag allein. Keine Bücher, kein Radio, kein Fernsehen. Nichts. Wenn er Glück hat eine Stunde Hofgang - in Hand- und Fußfesseln. Mittlerweile will Michael auch gar nicht mehr verlegt werden: "Entweder ganz raus - oder ich bleibe hier drin", sagt er. Es ist wie eine Art Hungerstreik. Er will sich dem System nicht mehr aussetzen, er will keine Psychopharmaka mehr nehmen. Bei einer Gefängnisstrafe ist das Ende festgelegt - aus der forensischen Psychiatrie jedoch kommt man nur raus, wenn die Ärzte grünes Licht geben. Vielleicht nie. Insgesamt zehn Jahre ist Michael nun schon weggesperrt.
Michael Perez ist kein Terrorist, Massenmörder oder Sexualstraftäter. Er hatte einen langen, heftigen Nachbarschaftsstreit, hat zahlreiche Anzeigen kassiert, überreagiert - zugeschlagen. Ein blaues Auge. Und einen "spitzen Gegenstand" soll er in der Hand gehabt haben. Dafür gibt es keine Beweise - aber es ist mit ausschlaggebend dafür, dass er "eingewiesen" wurde. "Eine Gefahr für die Allgemeinheit - Unterbringung nach Paragraph 63, Psychiatrie statt Gefängnis", so Gutachter und Richter.
Anfangs denkt Michael noch, er kommt da schnell wieder raus, wenn er sich anpasst, mitspielt, Psychopharmaka nimmt. Aber es dauert viele Jahre, bis er als Freigänger eingestuft wird, tagsüber im Straßenbau arbeiten darf, Hoffnung schöpft, von seinem Chef in den höchsten Tönen gelobt wird. Hoffnung, die schnell im Keim erstickt, als Michael in den Augen der Ärzte Rückschritte macht.
Alle Lockerungen werden gestrichen, er kommt zurück auf die "Geschlossene", hat das Gefühl, er muss bei null anfangen. Er rebelliert, wird mehrfach über Tage fixiert, obwohl er niemanden verletzt - und kommt in eine Hochsicherheitseinrichtung.
Nato-Draht, Überwachungskameras, Sicherheitspersonal: Michael wird in dieser Umgebung immer kränker, so der Eindruck seiner Schwester Bianka. Seit vielen Jahren kämpft sie um ihn, legt sich mit Ämtern, Behörden, Ärzten und Politikern an. Die Hoffnung ihrer ganzen Familie lastet auf ihr - sie ist Bürokauffrau und muss über sich selbst hinauswachsen.
Fast zwei Jahre begleiten wir sie. Zwei sehr belastende Jahre, in denen ihr Bruder sich verändert - auch unter dem Eindruck der dauerhaften Isolation und der Perspektivlosigkeit: "Wenn jemand zehn Jahre lang behandelt wird und immer kranker wird, dann hat nicht der Patient versagt, dann hat die Therapie versagt", so eine Expertin für psychiatrische Gutachten.
Die erschütternde Erkenntnis des Films: Der Fall Michael Perez - das kann immer wieder passieren. Und zwar fast jedem. Man kommt schneller rein als gedacht - und ist man einmal "drin", kommt man kaum wieder raus. Der Durchschnitt in der forensischen Psychiatrie liegt in vielen Bundesländern bei fast zehn Jahren. Besonders gefährdet: Menschen, die eigensinnig sind, sich nicht gut unterordnen können, sich widersetzen. Die journalistischen Filme zeigen Entwicklungen auf, beziehen Standpunkt, liefern Analysen und erzählen Geschichten einzelner Menschen emotional nah am Zuschauer.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Mittwoch, den 18.07.2018 um 21:00 Uhr auf SWR.