Oder reden sie lieber nicht drüber, verdrängen die Bedrohung? Dieser Meinung ist Kulturwissenschaftler Alex Taek-Gawang Lee, der sich viel mit der südkoreanischen Seele befasst. "Die Teilung ist in unserem täglichen Leben fest verankert," erklärt er mir. "Aber die meisten Koreaner zeigen ihre Gefühle über diese Teilung nicht so sehr. Weil das unsere absolute Horrorvorstellung ist. Wenn Nordkorea uns angreift, ist das das Ende der Welt. Die meisten Koreaner wollen über diese Realität nicht sprechen. Die Realität ist zu traumatisch, zu schrecklich."
Wie real die Teilung ist, kann man an der Grenze erleben. Nachdem man strengbewachte Checkpoints passiert hat, dürfen Touristen nach Anmeldung auf eine Aussichtsplattform. Von dort kann man mit Fernrohren in Kim Jong-Uns abgeschirmtes Reich blicken. Eine Aussicht mit nervender Dauerbeschallung von beiden Seiten. Aus dem Norden klingen Parteilieder, der Süden scheppert zurück - zum Beispiel mit den Beatles. Doch die Grenze ist nicht nur gruselige Touristenattraktion. Erst vor kurzem hat ein nordkoreanischer Soldat versucht, am Grenzstreifen in den Süden zu fliehen. Seine Kameraden eröffneten sofort das Feuer, fünf Kugeln trafen den Überläufer. Im Schutz der Nacht konnten ihn die Südkoreaner retten, der Soldat hat überlebt - schwerverletzt.Die meisten Überläufer aus Nordkorea aber kommen nicht über die direkte Grenze, sie flüchten über China. Sowie So-yeon Lee. Sie war beim Militär und erzählt wahre Horrorgeschichten. "In meiner Kompanie haben zwei Vorgesetzte 30 Soldatinnen jede Nacht vergewaltigt. Dieses Ereignis wurde vor Gericht gebracht. Die beiden Täter wurden einfach in andere Kompanien versetzt. Und die 30 Opfer unehrenhaft entlassen, sie wurden also von der Armee ausgestoßen und mussten heimkehren. Die größte Belastung ist, dass sie der Vergewaltigung und sexuellen Belästigung von Offizieren hilflos ausgesetzt sind." Sie selbst sei mit 18 in die Truppe eingetreten, bekam drei Jahre keine Periode wegen des schlechten Essens und der Unterernährung.
So-Yeon Lees Geschichte ist fürchterlich, überprüfen kann ich sie nicht. Und sie ist nur eine von rund 30.000 Nordkoreanern, die in den vergangenen Jahren in den Süden geflohen sind. Viele wollen nicht erkannt werden, weil sie Angst haben um ihre Familien, die sie zurücklassen mussten. Von einem Wiedersehen, gar einer Wiedervereinigung träumen sie.
Immerhin. Im Vorfeld der Olympischen Spiele kam es jetzt zu einer Annäherung. Zum ersten Mal seit zwei Jahren sprachen Delegationen aus Nord- und Südkorea wieder miteinander.
Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang die Spiele, will ich noch einmal von Kulturwissenschaftler Alex Taek-Gwang Lee wissen. "Die olympische Idee ist es ja, Spiele des Friedens zu sein. Den Frieden in der Welt zu stärken. Die Eröffnung der Olympischen Spiele auf der koreanischen Halbinsel, die immer den Krieg fürchten muss, ist also ein sehr symbolischer Akt.
Wir wollen zeigen, dass wir Frieden wollen und nicht Krieg."
Nach all der Kriegsrhetorik sind die Spiele eben auch Gelegenheit für Korea Zeichen der Verständigung zu senden.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Donnerstag, den 08.02.2018 um 21:45 Uhr auf Phoenix.