

Die neue phoenix-Dokumentation "Was wäre, wenn..." unternimmt ein ungewöhnliches Gedankenexperiment zur Geschichte von Orient und Okzident: Was wäre geschehen, wenn im Mittelalter der Islam und nicht das Christentum zur dominierenden Religion Europas geworden wäre? Ein Team aus Historikern und Islamwissenschaftlern entwickelt plausible Szenarien zu möglichen Wendepunkten, an denen die Entwicklung des Westens, so wie wir ihn heute kennen, ganz anders hätte verlaufen können.
Als eine historische Weichenstellung in Richtung christliches Abendland gilt der Sieg des fränkischen Adeligen Karl Martell gegen das große Heer muslimischer Araber und Berber in der Schlacht nahe des französischen Tours im Jahr 732. In seinem Film lässt Martin Carazo Mendez diese historische Szene rückwärts laufen. Was wäre geschehen, wenn stattdessen der muslimische Heerführer Ab dar-Rahman, Statthalter des Kalifen-Imperiums aus Damaskus in Spanien, siegreich gewesen und die islamische Eroberung auch Nord- und Mitteleuropas gelungen wäre?
Historiker nennen solche Geschichtsexperimente "kontrafaktische Geschichte". Dabei geht es nicht darum, "alternative Fakten" zu schaffen, wie der Oxforder Historiker Johannes Dillinger klarstellt: "Wir ermitteln, welche Entscheidungsspielräume die Personen in der Vergangenheit tatsächlich hatten. Dadurch wird Geschichte vielschichtiger, sie verliert den deterministischen Charakter, der ihr immer noch gerne zugeschrieben wird."
Anstelle des Kölner Doms, der selbst auf einer frühmittelalterlichen Kirche der einstigen fränkischen Königsresidenz aufbaute, erheben sich Moscheen und Minarette über dem Emirat "Frankistan" - zumindest auf den im Film präsentierten Grafikanimationen. "Die Unterschiede zwischen einem hypothetischen islamischen und einem christlichen Europa, wären riesig gewesen", meint Johannes Dillinger. "Was wäre mit den großen und reichen Weinbauregionen geworden in einer Kultur, in der Wein nicht genossen wird? Hätten wir Sklavenmärkte in den Städten des mittelalterlichen Europa gehabt?" Europa hätte sich aber nicht nur äußerlich verändert: "Wenn der Islam von Andalusien nach Europa gekommen wäre", so der Islamwissenschaftler Peter Heine, "dann wäre die Gesellschaft sicher toleranter gewesen als die, die wir dann in der realen Geschichte kennengelernt haben."
Film von Martin Carazo Mendez
Die Sendung wird ausgestrahlt am Dienstag, den 09.01.2018 um 15:15 Uhr auf Phoenix.