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Dicke Luft im Flieger

Kranke Crews und ahnungslose Passagiere
Freitag, 01.09.2017 07:30 Uhr
Phoenix
Freitag
01.09.2017
07:30 Uhr
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Es riecht nach alten Socken, Öl und Kerosin. Seit Jahren schon berichten Passagiere und Piloten von sogenannten "Fume Events". Die Befürchtung: Die stinkende Luft macht krank. Doch eine EASA-Studie widerspricht. ZDFzoom fragt, wie gefährlich die Kabinenluft wirklich ist.
Für die europäische Flugsicherheistbehörde EASA ist die Sache klar: Die Luft im Flieger ist so "sauber wie im Kindergarten". Markus Fenzel jedoch glaubt, dass die Stoffe in verunreinigter Kabinenluft ihn krank gemacht haben. Im Blut des ehemaligen Piloten ist mindestens ein giftiger Stoff gefunden worden, einer, der auch in Turbinenölen enthalten ist. 2011 erlebt der 54-Jährige im Cockpit einen Fume Event. Was das mit ihm gemacht hat, beschreibt er so: "Mein Zustand wurde immer desolater, meine Reaktion immer langsamer. Der Zustand ist wie ein sehr heftiger Rausch. Wie ein Alkoholrausch."
Kabinenluft wird direkt an den Triebwerken abgezapft
Die Unfallmeldungen des Flugpersonals steigen seit Jahren kontinuierlich an. 830 Unfallmeldungen nach Fume Events gingen 2016 beim Versicherer des Flugpersonals, der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation (kurz BG Verkehr) ein. Dass es überhaupt zu belasteter Kabinen- und Cockpitluft kommen kann, liegt an der Belüftungstechnik in einem Flugzeug.Die Luft, die Flugzeuginsassen atmen, kommt durch die Triebwerke ins Flugzeuginnere. Dort wird die Luft für den Kabinendruck komprimiert, damit man in großen Höhen überhaupt fliegen kann - das Verfahren hat sich bewährt. Seit den fünfziger Jahren wird dort auch die Luft zum Atmen abgezapft, daher stammt der Begriff "Zapfluft". Praktisch, denn so kann diese Komponente gleich für zwei Dinge genutzt werden.
Professor Dieter Scholz von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg erklärt die Hintergründe: "Man versucht ja, möglichst preiswert zu bauen. Jede Komponente, die man noch extra einbaut, das kostet ja wieder." Doch was zunächst naheliegend erscheint, birgt nach Ansicht des Experten für Flugzeugtechnik auch eine Schwachstelle: Dichtungen in den Triebwerken können Leckagen haben, und so können Verbrennungsrückstände über die Zapfluft ins Flugzeuginnere gelangen.
Eine einzige "Fume-Event-Sprechstunde" in Deutschland
Die Hoffnung der Betroffenen ruht auf der einzigen "Fume Event-Sprechstunde" Deutschlands an der Universität Göttingen. Dort untersucht die Arbeitsmedizinerin Dr. Astrid Heutelbeck seit 2014 Blut und Urin von Piloten und Flugbegleiterinnen, die glauben, durch kontaminierte Kabinenluft krank geworden zu sein. Tatsächlich findet sie giftige Stoffe im Blut der Betroffenen, darunter auch Vielflieger, die unter normalen Bedingungen dort nicht vorkommen dürften.
Wie gefährlich sind Fume Events für die Sicherheit des Flugbetriebs und der Insassen? Die Pilotengewerkschaft Cockpit sieht laut ihrem Sprecher Markus Wahl Handlungsbedarf. Ihm seien Fälle bekannt, in denen Piloten nach einem Fume Event das sichere Steuern des Flugzeugs nicht mehr möglich gewesen sei. Wahl kritisiert: "Dass man da im Nachhinein immer noch sagt, da ist doch gar nichts gewesen, finde ich absolut unverständlich." Der Gewerkschafter bezieht sich auch auf zahlreiche Studien, die zur Qualität der Kabinenluft in Flugzeugen erstellt wurden.
Hat die Flugsicherheitsbehörde EASA genügend Flieger getestet?
Im März 2017 kommt die oberste europäische Behörde für Flugsicherheit (EASA) zu dem Ergebnis, die Luft in Flugzeugen sei genauso gut oder sogar besser als in öffentlichen Gebäuden wie Schulen oder Kindergärten. Die EASA fokussiert sich auf die Stoffgruppe der Organo-Phosphate und speziell auf TCP, das in Turbinenölen enthalten ist. Da dessen Konzentration nach ihrer Ansicht zu gering sei, sehen die Prüfer keinen weiteren Handlungsbedarf, so der Sicherheitschef der EASA, Luc Tytgat: "Wir könnten zehn Mal mehr fliegen, aber bisher rechtfertigen die Statistiken nicht, etwas an den Vorschriften zu ändern. Das heißt ja nicht, dass wir aufhören zu a
rbeiten."
Genau 61 Flüge mit "Zapfluftfliegern" hat die EASA für diese aktuelle Studie durchgeführt. Viel zu wenige Flüge, kritisiert die Gewerkschaft Cockpit, um aussagekräftige Daten zu bekommen. Es sei auch kein Wunder, dass während der Messflüge kein einziges Fume Event dokumentiert werden konnte. Außer Acht lasse die europäische Behörde auch eine mögliche Wechselwirkung von unterschiedlichen Stoffen auf den Organismus.
Airlines, Hersteller und Politik sehen keine Gefahr
Auch wenn Menschen über Gesundheitsprobleme klagen und diese auf kontaminierte Luft zurückführen: Airlines und Hersteller, aber auch Ministerien klassifizieren Fume Events vor dem Hintergrund der Studien aktuell als ungefährlich. Yannick Malinge, Vizepräsident und Chef für Produktsicherheit bei Airbus, betont: "Die Herausforderung liegt bei Fume Events zwischen Wahrnehmung und Fakten. Und da gibt es eine Lücke. Wir sind besorgt, über den Grad der Subjektivität, wie mit diesem Thema verfahren wird."
Der Interessenskonflikt ist spürbar. Auf der einen Seite die lauter werdenden Stimmen von betroffenen Piloten und Flugbegleitern - auf der anderen Seite Hersteller und Airlines, auf die möglicherweise milliardenschwere Umbauten zukommen könnten. Die Debatte wird hitziger und die Warnungen der Experten lauter. Die Branche gerät immer stärker unter Druck, an einer Lösung für das Problem zu arbeiten.

Textquelle: Presseportal

Die Sendung wird ausgestrahlt am Freitag, den 01.09.2017 um 07:30 Uhr auf Phoenix.