

Laut einer Umfrage von infratest dimap von 2015 halten sechs von zehn Deutschen (58 Prozent) unser Land für kinderfreundlich. Damit bewertet zwar eine Mehrheit positiv, wie die Gesellschaft mit Kindern umgeht, allerdings vertritt eine große Minderheit von 39 Prozent eine gegenteilige Auffassung. Das passt auch zur Tendenz, dass immer öfter Kinder ausgeschlossen werden - in Hotels, in Wellness-Anlagen, in Restaurants.
"Wir haben gar nichts gegen Kinder. Wir lieben Kinder", sagt Hotelchefin Petra Schumann aus Kirschau in der Oberlausitz. "Die Philosophie unseres SPA-Tempels allerdings basiert darauf, dass Paare wieder zu sich finden können - fernab von ihrem Alltag, von ihren Sorgen. Kinder aber hüpfen, rennen, springen, schreien. Das ist völlig normal, aber es vereint sich nicht mit unserer Philosophie." Damit liegt das Hotel voll im Trend. Reiseveranstalter offerieren Adults Only-Angebote und schließen so Familien mit Kindern aus. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes stuft Hotel-Angebote mit einem Mindestalter von 16 Jahren sogar als möglichen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ein.
"Also ich finde es nicht diskriminierend", sagt Erziehungswissenschaftlerin Astrid von Friesen: "Es gibt ja auch Kinderhotels, die sich ausdrücklich auf Kinder spezialisiert haben, warum dann nicht auch Hotels ohne Kinder?" Tom Cudok vom Hotel ESPLANADE in Bad Saarow hat viel Kritik einstecken müssen, seit er 2015 sein Haus am Scharmützelsee komplett zur kinderfreien Zone erklärt hat. "Ruhe spielt eine große Rolle bei den Bedürfnissen unserer Gäste. Auch Eltern und Großeltern brauchen ab und zu Zeit für sich. Und es ist natürlich so, dass das Konsumverhalten der Gäste, die ohne Kinder reisen, auch ein anderes ist. Sie sind ausgabefreudiger, man gönnt sich etwas mehr."
Ruhe und kinderfreie Zonen sind auch Thema bei der Wohnungssuche. Immobilienmakler wissen, dass viele Vermieter sich gegen Familien mit Kindern entscheiden würden, auch wenn beide Eltern einen sicheren Verdienst nachweisen könnten. "Doppelverdiener ohne Kinder werden bevorzugt behandelt, schon weil da kein Kind mit dem Bobbycar die Sonntagsruhe stört."
Für viele sind lärmende Kinder eine Zumutung - dagegen klagen kann man nicht mehr, erklärt Prof. Ercan Altinsoy. Laut Bundesimmissionsschutzgesetz werde Kinderlärm nämlich anders eingestuft als der Lärm von Maschinen und Autos. Der Akustikprofessor an der TU Dresden sieht in den kinderfreien Zonen mehr als ein Marketingkonzept. Er spricht vom gesteigerten Ruhebedürfnis in der Gesellschaft. "Ruhe und Stille werden für jeden Einzelnen von uns immer wichtiger. Und natürlich sind Kinder laut. In unserer Wahrnehmung aber werden sie noch lauter, als sie eigentlich sind. Das birgt Konfliktpotential."
Aus der Reihe "Exakt - Die Story"
Die Sendung wird ausgestrahlt am Samstag, den 29.07.2017 um 16:30 Uhr auf tagesschau24.