

Kim-Nyree möchte Bodennebel. Franca notiert. Die 20-Jährige mit dem langen, langen Zopf über der rechten Schulter sitzt auf einem weiß bezogenen Kunstledersessel, vor ihr ein akkurat beschriebenes Blatt und ein sehr, sehr dicker Ordner. Eine Seite ist aufgeschlagen, die von Kim-Nyree nämlich und ihrem Verlobten Süleyman. Die beiden wollen heiraten - und sie sind nicht die Einzigen.
Hochsaison im "Le Royal":
In den Sommermonaten ist Hochsaison im "Le Royal" Eventsaal in Barmbek-Nord; einem Hamburger Bezirk mit Mehrfamilienhäusern, diversen Blumenkästen vor den Fenstern und schmalen Straßen, die in verkehrsberuhigte Zonen führen. Dorthin, wo auch das "Le Royal" seinen Sitz hat. Und Franca ihren Arbeitsplatz; sie ist im zweiten Jahr ihrer Ausbildung im afghanisch geführten Hochzeitssaal.
"Eigentlich wollte ich zur Marine," sagt Franca und lächelt, "aber ich wurde ausgemustert: Erdnussallergie." Nun organisiert sie Hochzeiten. Wie Perlen am Saum eines cremeweißen Hochzeitskleides reihen sich die Paare im April und Mai aneinander, jeder Abend ist ausgebucht. Freitag: eine Gesellschaft mit 260 Gästen. "Das wird eine türkische Hochzeit," sagt Franca, "aber eine kleine." Das mag daran liegen, dass es eine Deutsch-Türkische wird, die von Kim-Nyree und Süleyman nämlich.
Vor allem Afghanen, Türken und Russen feiern mit bis zu 800 Gästen:
"Die Türken feiern oft mit 800 Gästen, aber wir wollten es etwas intimer" sagt Süleyman. Seinen Anzug hat er schon, Kim-Nyree ihr Kleid ebenfalls - alles, was jetzt noch folgt, legen sie vertrauensvoll in Francas Hände. Die Torte - fünfstöckig - den Sektempfang und dass auch ja jemand darauf achtet, dass die Stoffbahnen hinter dem Brautpaarpodest so hängen, wie sie sollen.
Im "Le Royal" heiraten vor allem Afghanen, Türken und Russen. Das liegt am Platz. Knapp 800 Gäste pro Hochzeitsfeier bekommen Franca und ihre Kollegen im "Le Royal" unter. Das Buffet für die Masse Mensch wird in der hauseigenen Küche gefertigt. "Die Türken essen meistens Salat, Hähnchen und Reis. Das ist das Standard-Paket," sagt Franca, sie steht an einem Gasherd mit 16 Platten, "aber als ich zum ersten Mal in die Küche gekommen bin, lagen hier sieben ganze Lämmer." Lamm ist der Renner, besonders im Ganzen. Ansonsten: Fleisch. Viel Fleisch. Alles halal.
Franca muss zwischen Kulturen und Bräuchen umschalten:
Auch Kim-Nyree und Süleyman haben ein ganzes Lamm bestellt. Und vorher jeden deutschen Gast auf die türkischen Hochzeitsgepflogenheiten persönlich vorbereitet. Dass es eine zeremonielle Geschenkeübergabe gibt, weshalb alle mit den Fingern schnipsen beim Tanzen und, dass es voll wird - voller als bei einer deutschen Hochzeit.
All diese Dinge wusste auch Franca nicht, vor ihrer Ausbildung im "Le Royal". Und da sie nicht nur türkische, sondern auch russische, afghanische und manchmal sogar deutsche Hochzeiten abwickelt, ist da nach wie vor viel zu lernen. Zu verstehen. Und unter einen Hut zu bringen. Zwischen Kulturen und Bräuchen umschalten - im Kopf und im Saal. Und dabei kein Paar merken zu lassen, welch eine Logistik hinter dem "schönsten Tag des Lebens" steckt; hinter Francas Traumfabrik - in der Hochsaison im Hochzeitssaal.
Film von Katharina Ricard
Die Sendung wird ausgestrahlt am Montag, den 12.06.2017 um 18:15 Uhr auf NDR.