

Das Vall de Boi ist ein schmales Tal, tief hinein gegraben in die katalonischen Pyrenäen. Vor mehr als 1.000 Jahren entstanden im Tal sieben kleine Dörfer, an die sich wohl niemand erinnern würde, wären zu jener Zeit nicht auch neun romanische Kirchen gebaut worden. Die Abgeschiedenheit hat dazu beigetragen, dass zumindest einige dieser Kirchen noch fast originalgetreu erhalten sind.
Um diese Kirchen ranken sich Geheimnisse. So ist bis heute nicht geklärt, wer all die Arbeiter, Baumeister und Maler waren, die sie errichtet haben. St. Joan de Boi und St. Climente de Taüll sind im Inneren mit wunderbaren Fresken ausgemalt. Heilige Fabelwesen schmücken die Wände. Ein Lifan, der mit dem namensähnlichen Elefanten die Stoßzähne gemeinsam hat, ein Kamel, das eben von Bergbewohnern und nicht von Wüstensöhnen erdacht wurde ... Farben, Formen, die den Gläubigen Geschichten erzählen, Warnungen sein sollen.
Heute lässt sich das Weltbild der Romanik, das Glaubensbekenntnis in dieser verschlossenen Bergwelt nur noch erahnen. Die Kirchen, das waren Türen zu einer anderen Welt. Dahinter verschwammen die Linien zwischen Realität und Fantasie - das raue Leben zwischen Felsen mit den biblischen Geschichten, die alltäglichen Bedrohungen durch wilde Tiere mit den Visionen von Weltuntergang und jüngstem Gericht. Ein Universum, das dem neuzeitlichen Pyrenäen-Wanderer wie auch dem weltläufigen Kunsthistoriker weitgehend ein Rätsel bleibt. Und letztlich wird es auch ein Geheimnis bleiben, warum gerade hier, jenseits aller großen Handelsstraßen und Städte, in einer kargen Gebirgslandschaft so viele Kirchen errichtet wurden.
20.01.2002 3sat
Autor: Patricia Möckel
Die Sendung wird ausgestrahlt am Donnerstag, den 11.05.2017 um 07:35 Uhr auf SWR.