Lara Meißner betreut zwei Patienten, die auf der Intensivstation im Koma liegen. Die 22-Jährige ist für diese beiden Menschenleben verantwortlich. Erst vor zwei Monaten hat sie die Ausbildung zur Krankenpflegerin beendet. Krankenpflegerin war schon immer ihr Traumberuf. Doch die Realität im Alltag ist härter, als sie gedacht hat.
In den Krankenhäusern wird vor allem am Pflegepersonal gespart. Laut ver.di fehlen 70.000 Pflegekräfte in den Kliniken. Zwölf Patienten werden von nur einer Schwester versorgt, und die ist im Dauerstress. Vor zehn Jahren konnte sich eine Krankenpflegerin um sechs Patienten kümmern.
Auf den Intensivstationen, wo auch Lara Meißner arbeitet, betreuen die Pfleger zwar weniger Patienten, aber dafür müssen sie die Lebensfunktionen und Medikamente der Kranken ständig überwachen, denn ihr Gesundheitszustand kann sich von einer zur anderen Minute lebensgefährlich verschlechtern. Oft müssen Betten gesperrt werden, weil zu wenig Personal da ist. Für persönliche Zuwendung, wenn die Menschen nach einer schweren Operation aufwachen, bleibt zu wenig Zeit.
Antje Büll begleitet die junge Krankenschwester für diese NDR-Reportage in ihrem Alltag auf der neurochirurgischen Intensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover. Dort kämpft Lara Meißner um das Leben einer jungen Patientin, die nach einem Unfall Hirnblutungen bekam und im Koma liegt.
Sterben gehört hier zum Alltag. Auch damit muss die 22-jährige Lara lernen, umzugehen. "Man muss einen Ausgleich finden und darüber reden, sonst bleibt man nicht lange im Beruf", glaubt Lara Meißner.
Der Druck für sie ist hoch. Es dürfen keine Fehler unterlaufen. Eine falsche Dosierung der Medikamente kann tödlich sein. Auf ihrer Station passiert immer wieder Unvorhergesehenes: Ein Notfall kommt, ein Patient muss plötzlich reanimiert werden, ein anderer bekommt auf der Station einen Luftröhrenschnitt. Personalmangel bedeutet Mehrarbeit für alle und schlechtere Betreuung der Patienten.
Es sind nicht nur die Krankenhäuser, die weniger Pflegepersonal einstellen, sondern auch immer weniger junge Menschen, die diesen Beruf überhaupt ergreifen möchten. Aufstiegschancen und Bezahlung sind schlecht, der ständige Schichtdienst zehrt an den Kräften. Wenn die Krankenpfleger nicht schon die Ausbildung abbrechen, steigen viele in den ersten Berufsjahren wieder aus, wenn sie mit der harten Realität konfrontiert werden. "Es fehlt die gesellschaftliche Anerkennung", sagt Lara Meißner.
Es ist nicht in Sicht, dass sich die Situation in naher Zukunft verbessert. Im sogenanten Pflegeberufereformgesetz, das dem Bundestag zur Verabschiedung vorliegt, soll die Ausbildung der Altenpflege mit der der Krankenpflege zusammengelegt werden. Das wird dem Beruf der Krankenpflegerin keine größere gesellschaftliche Anerkennung bringen.
"NDR Reportage"
* ARD-Themenwoche 2016: "Zukunft der Arbeit"
"Zukunft der Arbeit" ist der Titel der ARD-Themenwoche 2016, die in diesem Jahr vom Hessischen Rundfunks (hr), vom Saarländischen Rundfunk (SR) und von Radio Bremen verantwortet wird. Eine Woche lang, vom Sonntag, 30. Oktober, bis Samstag, 5. November, beleuchten Sendungen im Ersten, in allen dritten Programmen und in den Partnerprogrammen der ARD, im Radio und im Internet die unterschiedlichen Facetten der digitalen Arbeitswelt und wie sich die Menschen heute und morgen über ihre berufliche Tätigkeit definieren.
Wer sind die Gewinner und Verlierer?
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen. Digitalisierung und Globalisierung schreiten unaufhaltsam voran. Die klassische Erwerbsarbeit des Industriezeitalters verliert an Bedeutung. "Industrie 4.0", "Sharing-Ökonomie" oder "Cloud-Working" heißen die Schlagworte. Das "Internet der Dinge" wird schon bald Produkte aus dem 3D-Drucker möglich machen, individueller und billiger als heute. Software wird Sachbearbeiter in den Büros ersetzen, Automaten werden sich selbst optimieren. Neue Plattformen und Netzwerke machen bereits jetzt jeden Autobesitzer potentiell zum Billig-Taxi-Anbieter und jeden Wohnungsbesitzer zum Vermieter von Gästezimmern. Aber wer sind bei all diesen Veränderungen eigentlich Gewinner und Verlierer?
Der Stellenwert von Arbeit
Und wie verändern sich der gesellschaftliche und der persönliche Stellenwert von Arbeit? Arbeit wird mit Geld entlohnt. Doch entspricht der Lohn auch der Leistung? Das monatliche Einkommen eines Bankers ist weit höher als das einer Altenpflegerin, ein Immobilienmakler verdient mehr als ein Konditor, eine Hausfrau bekommt gar keinen Lohn. Andere wiederum vermehren ihr Vermögen, ohne dafür zu arbeiten. Immer häufiger wird gefragt: Ist das gerecht? Wer und was bestimmen eigentlich heute und in Zukunft den Wert der Arbeit in unserer Gesellschaft?
Die ARD-Themenwoche 2016 beschreibt die "Zukunft der Arbeit" nicht als technologische Vision, sondern stets mit dem Blick auf den Wert der eigenen Arbeit: Welchen Stellenwert hat meine Arbeit? Was passiert mit meinem Arbeitsplatz? Wie verdiene ich morgen mein Geld? Was müssen unsere Kinder heute lernen, um in der zukünftigen Arbeitswelt zu bestehen? Wer sorgt dafür, dass unsere Arbeitsgesellschaft nicht auseinanderfällt?
Diesen Fragen gehen die Programme der ARD eine Woche lang aus unterschiedlichen Blickwinkeln nach - in Spielfilmen und Fernseh-Dokumentationen, in aktuellen Radioprogrammen und in Ratgeber-Sendungen und mit einem umfangreichen Dossier im Netz.
Produktion: Dirk Neuhoff, Michael Schinschke\nAutor: Antje Büll\n
Die Sendung wird ausgestrahlt am Freitag, den 04.11.2016 um 21:15 Uhr auf NDR.