Maritta irrt über den Frankfurter Hauptbahnhof. Sie hat ihren 24-jährigen Enkel Friedemann verloren. Mit ihm ist sie auf dem Weg von Tharandt in Sachsen zu ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter in Koblenz. Maritta ist 71 Jahre alt und hat einen Herzschrittmacher. Eigentlich darf sie sich nicht aufregen. Jetzt rennt sie mit ihrem schweren Rucksack durch die Bahnhofshalle und muss sich beeilen. Der Anschlusszug fährt gleich ab. Was der Zuschauer weiß, aber Oma Maritta nicht: Enkel Friedemann fragt währenddessen nach Auskunft im Reisezentrum.
Zwei Reporter, zwei Kameras, zwei parallele Geschichten von Bahnreisenden, die sich im Labyrinth des Frankfurter Hauptbahnhofs verloren haben. Zehn Tage lang waren die SWR-Autoren Sebastian Bösel und Achim Reinhardt unterwegs in Bahnhöfen und Zügen - quer durch Deutschland auf der Suche nach dem, was Bahnreisende erleben und was sie zu erzählen haben.
Einen echten Todesfall etwa haben neun Senioren in Koblenz zu beklagen. Am Morgen fahren sie noch nichtsahnend mit der Regionalbahn nach Bonn, wollen den 80. Geburtstag ihres Freundes Siegfried feiern. Erst als sie da sind, erfahren sie: Siegfried ist in der Nacht gestorben. In der Bahnhofshalle in Koblenz erzählen sie den Reportern von ihrem Schock und von einem merkwürdigen Verein, zu dem auch Siegfried gehörte: der Karbacher Heringsgesellschaft. 'Wir haben immer ein Töpfchen Heringe im Kühlschrank!', sagen sie und nehmen die Reporter mit nach Hause.
Buchstäblich wie die Heringe fühlen sich die Passagiere im ICE nach Berlin. Es ist Freitagnachmittag. 'Sind die Stehplätze eigentlich billiger?'. Die Reporterfrage lässt den genervten Reisenden im Gang schmunzeln. Eine Dame kann nicht mehr stehen, kauert auf dem Boden. Mit verschwörerischer Miene verrät sie ihren Trick, wie man in vollen Zügen auch bequem reisen kann: 'Ich setze mich manchmal in die 1. Klasse und sage, mir ist schlecht geworden.'
In vollen Zügen genießen Natalia und Sergio die kurze Zeit, die sie miteinander haben. Die ukrainische Psychologie-Studentin und der spanische Software-Entwickler führen eine Fernbeziehung, pendeln zwischen Dresden und Frankfurt/Main. Der ICE bestimmt den Fahrplan ihrer Gefühle. Die Reporter treffen sie nach 36 Stunden wieder, wenn es wieder heißt, für mehrere Wochen Abschied zu nehmen. Ein leidenschaftlicher Abschiedskuss, dann schließen die Türen des ICE nach Dresden.
Unterdessen fallen sich die 71-jährige Maritta und ihr Enkel Friedemann im Hauptbahnhof in Frankfurt in die Arme. Sie haben sich wiedergefunden. Doch der Anschlusszug ist jetzt weg. Bis zum Wiedersehen mit ihrer Familie in Koblenz am anderen Ende der Republik müssen die beiden Sachsen noch einige Hürden überwinden. Maritta, die ehemalige Reiseleiterin aus der DDR, nimmt die Strapazen gelassen. Reisefreiheit ist für sie immer noch ein Geschenk.
Ungewöhnlich freizügig ging die Deutsche Bahn AG übrigens mit den Drehgenehmigungen um: Alle Zugtüren in Deutschland standen den SWR-Reportern offen. Entsprechend spontan geriet die Reportage, die entstanden ist.
Reportage von Petra Stein und Arne Pollmann
Die Sendung wird ausgestrahlt am Montag, den 11.07.2016 um 15:00 Uhr auf EinsPlus.