

* 1983 - Geschichte wird gemacht!
Film von Jobst Knigge, WDR 2023
1983 ist das Jahr, in dem die Gegenwart begann, politisch, wirtschaftlich und kulturell: Angst vor einer Pandemie, Angst vor Krieg, Energiekrise, Inflation, Waldsterben, die Grünen. Ein Jahr mit erstaunlichen Parallelen zu 2023. Und all das zum Soundtrack der Neuen Deutschen Welle. Eine rasante Zeitreise und aufregende Geschichtsstunde über ein Jahr, das Deutschland verändern sollte. Ende März 1983. Helmut Kohl war nun auch ein vom Volk gewählter Bundeskanzler. Die vorgezogene Bundestagswahl hatte er gewonnen. Und erstmals seit mehreren Jahrzehnten hatte eine neue Partei den Einzug ins Parlament geschafft. Die Grünen begannen ihren Marsch zur Macht. In der gleichen Woche war Nena erstmals Nr. 1 in den Charts. Deutsche Musik, auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs. Die Dokumentation 1983 schaut von heute aus in die Geschichte und findet vier Jahrzehnte zuvor ein Jahr mit erstaunlichen Parallelen in die Gegenwart. Die Zeitenwende des Bundeskanzlers hieß im Jahr 1983 noch geistig moralische Wende. Den Klimawandel nannte man Waldsterben. 1983 fädelte Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit für die DDR ein, blamierte sich der Stern mit gefälschten Hitler Tagebüchern, war der Sommer heiß wie nie.
1983 starb der Wald, machte Aids Angst vor einer Pandemie, wurde gegen den Willen der USA eine Erdgaspipeline aus den UDSSR gebaut, waren West- und Ostdeutsche im Aerobic-Rausch, kündigte in der fernen USA Präsident Reagan einen Krieg der Sterne an, begann mit der Einführung des Bildschirmtextes das digitale Zeitalter, bildeten Friedensdemonstranten eine über 100 Kilometer lange Menschenkette, wurde bleifreies Benzin eingeführt, kam es zwischen der Nato und dem Warschauer Pakt beinahe zum Atomkrieg, versprach Erich Honecker den Abbau der Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze und durfte Udo Lindenberg das erste Mal auf einem Friedensfestival in Ost-Berlin auftreten. Und all das zum Soundtrack der Neuen Deutschen Welle. Major Tom und 99 Luftballons, Geier Sturzflug steigerte das Bruttosozialprodukt, Codo düste im Sauseschritt und Fräulein Menke geriet auf dem Tretboot in Seenot. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht! Am Ende des Jahres 1983 werden die Regierungen in West und Ost gelernt haben: Wir müssen miteinander reden. Es war der Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs. Die Nachkriegszeit war endgültig zu Ende. 1983 ist das Jahr, in dem die Gegenwart begann, politisch, wirtschaftlich und kulturell. Die großen Parallelen wie Kriegsangst, Energieknappheit und Umweltzerstörung werden gemeinsam mit den kleinen Geschichten erzählt. Dabei setzt die Dokumentation ausschließlich auf das Bild und Tonmaterial der damaligen Zeit. So gelingt es vollkommen einzutauchen in eine andere Zeit, die einem so plötzlich ganz vertraut vorkommt. Nachrichtenausschnitte, Reportagen, private Aufnahmen, Musikvideos, Konzerte und zeithistorische Interviews verknüpft der Film zu einer rasanten Zeitreise und aufregenden Geschichtsstunde über ein Jahr, das Deutschland verändern sollte. Ein Jahr wie eine Vorahnung auf das, was kommen wird.
* Panische Zeiten! Udo Lindenberg rockt den Osten
Film von Falko Korth, MDR 2015
Keine zwei Monate nach dem Mauerfall startet am 6. Januar 1990 in Suhl die erste DDR-Tournee von Udo Lindenberg. Als der Rocksänger sein Thüringer Publikum mit "Hallo Suhl!" begrüßt, kennt der Jubel in der "Stadthalle der Freundschaft" keine Grenzen mehr. 3000 Fans sind gekommen, um den Panik-Rocker leibhaftig zu erleben. Vielen stehen vor Freude die Tränen in den Augen. Sie haben Jahre auf diesen einen Moment gewartet. Sie erleben diese Konzerte als einen Rausch - einen wahrgewordener Traum. Egal ob Suhl, Leipzig, Erfurt, Rostock, Schwerin oder Magdeburg, überall das gleiche Bild: Wenn Lindenberg - zusammen mit der DDR-Rocksängerin Ina Morgenweck - "Mädchen aus Ostberlin" singt und der ganze Saal einstimmt, versagt manchen vor Rührung die Stimme. Der Sänger und seine Fans verein
t in einem Meer von Wunderkerzen und Feuerzeugen. Es sind Gänsehautmomente, die für alle, die dabei waren, einzigartig sind bis heute. "Ich war irgendwie da und ich guckte denen in die Augen und es waren nasse Augen, Tränen, die haben geweint", erinnert sich Udo Lindenberg. "Mich hat das sehr, sehr berührt. Die ganze Tour, diese eine Woche, war ein rauschendes Fest, wahrscheinlich die schönste Party meines Lebens."
Mit seinen Songs half Lindenberg einer ganzen DDR-Generation durch die Pubertät. Das Lied "Mädchen aus Ost-Berlin" konnte man als private Geschichte und als politische Botschaft verstehen. Seine Songs erzählten von der Sehnsucht nach Freiheit und Individualität und boten vielen Menschen in der DDR Lebenshilfe, Orientierung und Identifikation. Man konnte mit seinen Liedern der Enge der DDR entfliehen und zugleich einen aufrechten Gang erlernen. 25 Jahre nach seinem legendären Auftritt in Suhl macht sich Udo Lindenberg für diesen Film nun noch einmal auf den Weg in die thüringische Kleinstadt. Er will zwei Fans treffen, die er damals kennenlernte: "Ich will die Jungs nochmal wiedersehen, die Experten, die Panikexperten von damals." Lindenbergs Erscheinen in Suhl löst einigen Wirbel aus. Passanten glauben zunächst an ein Udo-Double. Doch schnell ist klar, hier steht der Panik-Rocker persönlich. Schnell kommt Udo mit Passanten und Konzertbesuchern von damals ins Gespräch. Viele erinnern sich an ihn. Er ist ein Star zum Anfassen. Ein Selfie hier, ein Küsschen dort. Der Rocker ist sichtlich gerührt. Der Film "Panische Zeiten! Udo Lindenberg rockt den Osten" spannt einen Bogen von der ersten DDR-Tournee 1990, zeigt Ausschnitte aus dem Stadionkonzert 2014 in Leipzig und begleitet Lindenbergs Auftritt am "Brandenburger Tor" am 9.11.2014. Schließlich trifft Udo in Berlin erstmals nach 25 Jahren wieder seine damalige Duettpartnerin Ina Morgenweck. Es sind besondere, fast private Momente, in denen deutlich wird, dass es zwischen dem Künstler und dem Menschen Udo Lindenberg keinen Unterschied gibt. Konzertbesucher, Musiker, Fans kommen in der unterhaltsamen Dokumentation zu Wort. Auch musikalische Weggefährten wie Clueso, Silbermond, Sebastian Krumbiegel und Anna Loos sprechen über die Zusammenarbeit mit Lindenberg. Sie alle zeichnen voller Begeisterung und Respekt das vielschichtige Bild des Menschen und Künstlers Udo Lindenberg.
* Nach drüben Oststars wechseln die Seite
Film von Michael Rauhut und Tom Franke, RBB 2019
Die Dokumentation Nach drüben Oststars wechseln die Seiten konzentriert sich auf den Bereich Rock- und Popmusik und rückt beispielhaft die Biografien von drei Künstlern in den Mittelpunkt, die der DDR den Rücken kehrten. Die Sängerin Veronika Fischer (*1951) pendelte mit einem Dauervisum zwischen den beiden Teilen Deutschlands, bis sie sich 1981 für den Weggang in den Westen entschied. Reiner Schöne (*1942), Sänger, Schauspieler und Musicalstar, flüchtete 1968 nach West-Berlin und siedelte später in die USA über, wo für ihn eine internationale Filmkarriere begann.
Dietrich Kesslers (*1946) Rockband Magdeburg stellte 1981 einen kollektiven Ausreiseantrag, weil sie von den Medien kaltgestellt worden war und keine Zukunft mehr in der DDR sah. Der Bandleader wurde inhaftiert und 1984 schließlich von der Bundesrepublik freigekauft. Die Protagonisten des Films berichten über ihre Erfahrungen als Künstler in der DDR und schildern die äußeren wie inneren Konflikte, die letztlich dazu führten, dass sie ihr Land verließen. Gleichzeitig reflektieren sie über den schwierigen Weg in den Westen und die Herausforderungen konträrer gesellschaftlicher Systeme. Der Film greift außerdem die Geschichte der Gruppe Renft sowie die Ausbürgerung von Wolf Biermann und Nina Hagen auf. Die Kommentare des Musikwissenschaftlers Prof. Peter Wicke und der ehemaligen Rundfunkredakteure Olaf Leitner (RIAS) und Wolfgang Martin (DT 64) ordnen die Erinnerungen zeithistorisch ein.
In „phoenix history“ erinnern wir an herausragende historische Ereignisse und Entwicklungen, mit deren Vermittlung und Einordnung phoenix einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung leistet. Von der Antike bis zur aktuellen Zeitgeschichte spannt sich der Erinnerungsbogen. Auf diesen historischen Zeitreisen zeigen wir klassische Dokumentationen, Reportagen im Stil einer historischen Spurensuche bis hin zu großen zeitgeschichtlichen Doku-Dramen. Mit dieser Vielfalt der Formen wollen wir komplexe Themen besser verständlich machen.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Samstag, den 02.12.2023 um 10:00 Uhr auf phoenix.